«Hinter jedem Kriegstoten steht Schmerz»

KUNST ⋅ Mit 20 Jahren ging sie nach Vietnam, um Kriegsverletzte zu versorgen. In den 1980ern wurde sie Teil des bekannten Pariser Grafikerkollektivs Grapus. Jetzt zeigt Maria Arnold erstmals wieder Arbeiten in ihrer Heimat: in der Luzerner Kunsthalle.
22. April 2017, 00:00

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Zwei Kindheitserlebnisse haben die Krienserin Maria Arnold, die 1949 in Luzern zur Welt kam, tief geprägt: ein schriftlicher Augenzeugenbericht über den Atombombenabwurf über Nagasaki, den sie als Kind heimlich unter der Bettdecke las, und die von Radionachrichten orchestrierten Tischgespräche ihrer Eltern über den Krieg in Vietnam, aus denen Arnold und ihre Geschwister Satzfetzen wie Ho Chi Minh zusammenklaubten und sich in kindlicher Naivität auf dem «Gigampfi» zuriefen – sehr zum Missfallen der Eltern.

Wegen des ersteren Erlebnisses hat Maria Arnold bis zu ihrem 20. Lebensjahr freiwillig kein Buch mehr angerührt. «In Büchereien schaute ich zuerst auf die ISBN-Nummer und dann aufs Impressum, mir graute vorm Inhalt», erzählt die Künstlerin, die seit 35 Jahren abwechselnd in ­Paris und Kriens lebt.

Atomwaffenarsenale als künstlerische Aufgabe

Jahre später, da war aus der Arztgehilfin längst eine Grafikerin geworden, war das Thema Atomkrieg plötzlich wieder da. In akribischer Arbeit erstellte Arnold Tabellen mit dem Waffenarsenal der Atommächte. «Es zeichnerisch vollständig zu dokumentieren, hätte mich allein 40 Lebensjahre gekostet. Ich arbeitete täglich zwölf Stunden. Bei der 100. Bombe hörte ich auf.»

Das Projekt warf sie in eine Lebenskrise. Ein Teil der Zeichnungen war 2003 im Museum Bellpark in Kriens zu sehen. Die Doppelausstellung mit der Galerie Kriens war die bislang letzte in der Region. Trotz bekannter Fürsprecher – Thomas Hirschhorn ermutigte sie früh, ihre in Vietnam gemachten Kriegserfahrungen künstlerisch zu bearbeiten – ist Maria Arnold nie richtig angekommen im Kunstbetrieb. Sie hat keinen Internetauftritt, im Netz findet man so gut wie keine Arbeiten von ihr, als hätte es ihr Pariser Grafikatelier, das sie 14 Jahre mit einer Kollegin führte, nie gegeben. Auch ihre jahrelange Dozententätigkeit in Luzern und Paris hat keine digitalen Spuren hinterlassen. Was da alles in Arnolds Archiv lagert, weiss nur sie selbst. Eben erst hat sie sich in ihrer Pariser Wohnung ein neues Möbelstück gebaut. Darin hat sie die Drucksachen und Zeichnungen kompakt verstaut.

Der Hang zum manischen, seriellen Arbeiten zieht sich durch Arnolds Leben. Und richtig geschlossen hat sich das Kriegskapitel für sie bis heute nicht, das zeigt jetzt eine Ausstellung in der Luzerner Kunsthalle.

Aus persönlicher Krise von Kriens nach Vietnam

Waren es die Tischgespräche ihrer Eltern, welche die damals 20-jährige Arztgehilfin auf die Idee brachten, 1969 von Kriens nach Vietnam zu reisen? Die politische Überzeugung? Das Mitgefühl? Der jugendliche Rebellionseifer? Arnold verneint.

«Eher aus einer persönlichen Krise heraus», sagt sie heute. «Ich wollte weg, sah im Fernsehen eine Sendung mit dem Titel ‹Die Hölle von Dak To› und dachte: Nichts wie hin!»

Eine Kinderärztin und eine Krankenschwester aus der Westschweiz nahmen sie trotz ihres zarten Alters mit auf ihre humanitäre Mission. Die Frauen bauten medizinische Versorgungsstationen in Flüchtlingsdörfern auf und besuchten Kinderheime. Insgesamt vier Jahre hielt sich Arnold mit Unterbrüchen in den abgelegenen Regionen Vietnams auf, versorgte dort die indigene Bevölkerung in den Bergen und lernte die Schicksale hinter den anonymen Zahlen der Zeitungsberichte kennen. «Hinter jedem Kriegstoten steht Schmerz.»

Die Stille in den elektrizitätsfreien Flüchtlingslagern, in denen man nachts die Atemgeräusche Tausender Menschen hörte, und der sternenklare, nicht durch Kunstlicht verseuchte Nachthimmel ­haben sie nie losgelassen. Auch nicht das Gefühl, zu wissen, dass der Feind nachts zum Fenster reinschauen konnte.

Verhaftung beim Verspeisen eines Huhns

Nach der Einnahme der benachbarten Stadt durch die Rebellen wurde die Versorgungslage im Lager kritisch. «Die Vietminh kreiste uns ein, als wir Frauen erstmals seit langer Zeit wieder mal ein frisch geschlachtetes Huhn verspeisten», erinnert sich Arnold: «Es war eine absurde Situation. Die Kämpfer umstellten uns mit schwerem Geschütz, als würden sie ein Terroristennest ausräumen. Dann zwangen sie uns, mit ihnen sämtliche Reserven zu plündern, schliesslich wurden wir durch den Dschungel abgeführt.» Zweieinhalb Monate lebte Arnold in Kriegsgefangenschaft. Die Erlebnisse hat sie in einer Art Erinnerungsbericht verarbeitet, der nun in limitierter Ausgabe als Kiste mit losen Blättern in der Ausstellung zum Verkauf aufliegt.

Man ahnt, wie Maria Arnold nach ihrer Rückkehr in die Schweiz in einer Arztpraxis an banalen Gebrechen der Schweizer fast verzweifelt sein muss. Der Arzt, der die von Parasiten befallene und malariageplagte Frau nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft behandelte, meinte auf ihre Frage, ob künftige humanitäre Einsätze in Malariagebieten realistisch seien: «Wenn Sie sich umbringen wollen, ja.»

Also liess sich Maria Arnold zur Grafikerin ausbilden. Doch mit der nüchternen, mehr an der Form als am Inhalt interessierten Schweizer Grafik kam sie nicht klar. Arnold wagte eine zweite Flucht nach Paris. Sie nahm Briefkontakt zum politisch aktiven Grafikerkollektiv Grapus auf. Es entwickelte sich ein reger Briefwechsel. Schliesslich wurde sie ins Kollektiv aufgenommen, wo sie zwei Jahre blieb. Dort fand sie auch die rege Diskussionskultur ihrer Kindstage wieder. «Man kam erst um 10 Uhr morgens ins Büro. Dafür musste man bis dahin sämtliche Zeitungen gelesen haben», erinnerte sich Arnold. «Man diskutierte und arbeitete gleichzeitig.»

Auch wenn sie apolitisch ins Leben startete, ist für Arnold seither jede Linie auch politisch. Dass ihre Schüler an der Kunsthochschule Luzern oder an der Fachklasse Grafik, wo die Pensionärin bis vor zwei Jahren noch unterrichtet hat, nicht mehr drei Stunden täglich Zeitung lesen, betrachtet sie mit Sorge. Geliebt hat sie es dennoch, mit ihren Studenten über Bilder zu diskutieren. «Ich bin kein wahnsinnig lebensfreudiger Mensch, aber beim Bild bin ich immer neugierig geblieben.»

Hinweis

Maria Arnold: «Warum erlaubt uns die Natur, die Augen zu schliessen?» Kunsthalle Luzern. Bis 11. 6. Am 28. 5., 11 Uhr, Lesung/Künstlergespräch mit Maria Arnold. Infos: www.kunsthalle-luzern.ch

«Die Kämpfer umstellten uns mit schwerem Geschütz, als würden sie ein Terroristennest ausräumen.»

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