«Ich habe tatsächlich nicht viel Hoffnung»

KINO ⋅ Für «I Am Not Your Negro» erhielt Raoul Peck eine Oscar-Nominierung in der Kategorie bester Dokumentarfilm. Das Werk erzählt von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA aus der Sicht von James Baldwin.
13. April 2017, 00:00

Nicht nur schwarzes Kino aus Hollywood erlebt derzeit mit Filmen wie «Loving», «Moonlight» von Barry Jenkins oder – demnächst – «The Birth of a Nation» eine Blüte. Auch ein essayistischer Dokumentarfilm über die Geschichte der Afroamerikaner hatte dieses Jahr eine Oscarnominierung erhalten. Nun kommt «I Am Not Your Negro» von Raoul Peck auch bei uns ins Kino.

Der schwarze amerikanische Schriftsteller James Baldwin war einer der bekanntesten Bürgerrechtsaktivisten der USA. Im Jahr 1979 hatte er das ambitionierte Projekt, die Biografien dreier ­Anführer der Bürgerrechtsbewegung zu einer Gesamtschau über den Rassismus der USA zu verarbeiten. Die drei Bürgerrechtsaktivisten waren: Medgar Evans, Malcolm X und Martin Luther King. Alle drei wurden ermordet, Evans 1963, Malcolm X 1965, King 1968. Zwar hatte Baldwin für sein Projekt einen Titel, «Remember This House», kam dabei aber nie über die ersten dreissig Seiten hinaus – und als er 1987 starb, war es bald vergessen.

Ungemein dichter Bilderstrom

Nun hat Raoul Peck (63), der aus Haiti stammende, heute in Frankreich lebende Regisseur, den Text der Vergessenheit entrissen und dazu einen ungemein dichten Bilderstrom geschaffen, bestehend ausschliesslich aus bereits existierendem Material.

«I Am Not Your Negro» beginnt mit James Baldwin in einer Talkshow von 1968. Der Moderator fragt den Gast, warum die Schwarzen in den USA nicht optimistischer seien. Es gebe doch heute neben so vielen erfolgreichen schwarzen Sportlern und Werbeträgern ja auch immer mehr schwarze Bürgermeister, die Afroamerikaner («Negroes», wie man sie damals in den USA noch nannte) würden doch nun immer mehr Einzug halten auch in der Politik. Baldwin lacht: «Ich habe tatsächlich nicht viel Hoffnung – solange Fragen so gestellt werden und man damit zeigt, dass man das Problem nur als eines der Schwarzen und nicht als ein die ganze Nation betreffendes ansieht.» Auf diese kurze Szene folgen Bilder aus Ferguson, wo es 2014 nach der Erschiessung eines unbewaffneten schwarzen Schülers durch weisse Polizisten zu den schwersten ethnisch motivierten Krawallen in den USA seit Jahrzehnten gekommen war.

Raoul Peck, der in der Vergangenheit bereits mehrere Filme über das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weissen realisiert hat, verarbeitet in «I Am Not Your Negro» eine schier unglaubliche Fülle von Material aus über ­hundert Jahren US-Geschichte: Archivfotos, Nachrichten, Ausschnitte aus TV-Talk-Shows und zahlreiche Sequenzen aus Hollywood-Klassikern. Letztere sind das wohl aufschlussreichste Element in dem Film, der mit dem Text von James Baldwin, gesprochen von Samuel L. Jackson, ein weiteres Element in dem Strom von Bild und Text enthält.

Die Filmklassiker reichen zeitlich von «King Kong» bis «In the Heat of the Night», und sie zeigen eindrücklich, wie sehr Schwarze bis weit in die 1960er entweder als Wilde oder als gutmütige «Onkel Toms» repräsentiert waren. Zumindest das hat sich heute stark geändert – doch wenn in den Nachrichtenbildern die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Watts von 1965 (einem Stadtteil von Los Angeles) jenen von Ferguson 2014 gegenüberstehen, bestätigt das nur die Aktualität der Aussagen James Baldwins von 1968.

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«I Am Not Your Negro» läuft ab heute im Kino Bourbaki in Luzern.


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