Männerabende beschliessen Frauenfestival

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Das Thema «Primadonna» räumte mit vielen Klischees auf. Zum Schluss paradoxerweise mit zwei Männern am Pult.

12. September 2016, 00:00

Darf ein Festival, das die Rolle der Frauen in der Musik zum Thema machte, mit Männerabenden schliessen? Solche waren auf den ersten Blick das gestrige Schlusskonzert, mit dem Simon-Bolivar-Sinfonieorchester unter der Leitung von Gustavo Dudamel und am Samstag das Konzert der Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim in der Doppelrolle als Dirigent und Solist.

Aber beide Dirigenten entsprechen in keiner Weise Chauvinistenklischees. So wählte Barenboim in Berlin mit Simone Young eine Frau als Assistentin, die als Dirigentin bereits eine namhafte Karriere machte. Und Dirigentinnen wie Susanna Mälkki oder Mirga Gražinyté-Tyla räumen ihrer Zusammenarbeit mit Dudamel grossen Stellenwert bei.

Nachtrag zum Primadonna-Thema

Die Beispiele zeigen: Auch wenn Frauen am Pult grosser Orchester in der ersten Reihe noch kaum vertreten sind – die Voraussetzungen dafür haben sich im Verlauf der letzten Generation grundlegend gewandelt. Exemplarisch verdeutlichten dies Statements am Podium zum Thema «Primadonna». Wurde Konstantia Gourtzi vor 30 Jahren von einer Agentur noch beschieden, sie habe kein Interesse an Dirigentinnen, hat Mirga Gražinyté-Tyla (30) bewusst keine Diskriminierungen erlebt.

Die Interviews mit Musikerinnen bestätigten, im Umgang mit Orchestern spiele heute das Geschlecht keine Rolle mehr. Dass auch andere Gründe mitspielen, wieso Dirigentinnen trotzdem noch immer weniger Spitzenkarrieren machen, hatte ebenfalls Gour­tzi erwähnt: mit dem Hinweis darauf, dass Frauen zwischen Familie und Karriere vorübergehend noch immer tendenziell andere Prioritäten setzen als Männer. Spannend war das Festivalthema auch, weil es mit solchen Fragen rund um die Work-Life-Balance ebenso gesellschaftliche wie persönliche Bereiche berührte. Das zeigt auch die «starke Frau», die Intendant Michael Haefliger zu diesem «Primadonna»-Thema inspiriert hat: Dies nämlich war, sagte er im Gespräch, seine Mutter (Ausgabe vom Samstag).

Im Ganzen kam dieses «Primadonna»-Thema also wohl zu spät, um eine mutige Pionierrolle zu spielen. Aber es hat wohl vielen erst bewusst gemacht, wie sehr die in den Programmheften breit thematisierte historische Diskriminierung von Frauen heute von der Basis her korrigiert wird. Und dass es eine Frage der Zeit sein dürfte, bis Frauen nicht nur – wie längst auch in der Region – als Chordirigentinnen, sondern auch an Orchesterpulten selbstverständlich sind.

Insofern nimmt sich das erste Dirigier-Masterkonzert der Musikhochschule Luzern mit den Festival Strings wie ein Nachtrag zum Festival aus: Da stehen nämlich, gegen alle Klischees, am 18. September zwei Dirigentinnen und kein Mann am Pult (Maihof Luzern, 18 Uhr).

Moderne-Klassiker als Latin-Party

Dass auch für das Publikum heute nicht das Geschlecht, sondern Kompetenz und Charisma zählen dürften, veranschaulichten die Schlusskonzerte mit unterschiedlichen Temperamenten am Pult. Gustavo Dudamel steht zudem durch seine Herkunft aus dem venezolanischen Sistema für jenen kollektiven Musiziergeist, den gerade Dirigentinnen am Festival erfrischend mit einbrachten.

Für den Generationenwechsel, den Dudamel als junger Wilder verkörperte, stand hier schon das Programm. Olivier Messiaens «Turangalila»-Sinfonie von 1948 zum Abschluss des Klassikfestivals? Das war mutig, aber der volle Saal gestern zeigte, dass sich auch das Publikum wandelt. Und die Venezolaner, die für orchestrale Latin-Partys bekannt sind, bewiesen: Das Stück gibt auch all das her, was man von ihnen erwartet.

Damit holten sie Messiaens kosmische Liebesfeier auf die Erde zurück. Die Rhythmen tanzten wie in einem jazz-inspirierten Stück aus den wilden Zwanzigerjahren. Und der grosse Sound des Orchesters, virtuos gespickt von Jean-Yves Thibaudet am Flügel, metallisch verschärft von Cynthia Millars Ondes Martenot, zielte in hymnischen Steigerungen nicht auf plakative Lautstärke, sondern lud sie von innen her mit berstender Intensität auf. Auch wenn die Klanggewitter einzelne Besucher vertrieben: Der Bewegungs- und Sinnenrausch zum Schluss war so hinreissend, dass sich jede Zugabe erübrigte.

Musizieren unter Freunden

Daniel Barenboim führte zuvor mit der Staatskapelle Berlin die Wurzeln des Gemeinschaftssinns unter Musikern vor. Wie er am Flügel in Tuchfühlung mit dem Orchester Mozarts Krönungskonzert interpretierte, entsprach ganz dem Musizieren «unter Freunden», das Abbados Wort populär gemacht hat. Das galt hier – eher romantisch nuanciert als historisch geschärft – bis in Details der Phrasierung, wenn Barenboim die Linien frei auslaufen liess und das Orchester sie nahtlos weiterspann oder energisch kontrastierte.

Das Ereignis aber war, wie sich diese Musizierlaune und dieser Sinn für Schnitte und Übergänge auf die grossen Dimensionen von Anton Bruckners sechster Sinfonie übertrugen. Hier zeigte das Orchester vorzügliche Qualitäten mit einem hell strahlenden, kernigen und auch im blendenden Fortissimo nie massigen Klangbild. Bruckner-Monumentalität ohne Weihrauch, aber mit viel Spielfreude: Dazu passte der Ausruf, den Barenboim ohne Besinnungspause und Starallüren ins Publikum warf, quasi als Schlusswort zu diesem ereignisreichen Festivalsommer: «Es ist vorbei!»

Urs Mattenberger


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