Matthäus-Passion als Kammerdrama

KARFREITAGSKONZERT ⋅ Das Ensemble Corund präsentierte Bachs Matthäus-Passion in ihrer Urfassung von 1729 im Maihof, Luzern. Das Besondere: Nur acht Sänger sind involviert, was für selten gehörte Transparenz sorgt.
15. April 2017, 00:00

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Nachdem letzte Woche am Lucerne Festival Bachs Johannes-Passion in ihrer Zweitfassung erklungen war, spielte das Ensemble Corund gestern Abend die Matthäus-Passion in ihrer Urfassung. Beide eher selten gespielte Versionen erlauben faszinierende Einblicke in die bachsche Kompositionsstube.

Wobei das Ensemble Corund in seiner Umsetzung fast noch ein Stück konsequenter vorgeht als die Kollegen vom Balthasar-Neuman-Chor vergangene Woche: Mit nur acht Sängern und zwanzig Instrumentalisten offenbarten sich in der Matthäus-Passion Qualitäten eines Kammerdramas und liessen Aspekte epischer Dramatik zurücktreten.

Die Dringlichkeit von J. S. Bach

Mit dem Maihof als Aufführungsort trafen der künstlerische Leiter Stephen Smith und sein Ensemble Corund eine geschickte Wahl: Die Akustik erwies sich als äusserst geeignet für die derart intime Besetzung: warm, nicht trocken, aber dennoch transparent. Neben den Sängern sind auch die Instrumente in zwei Chöre unterteilt. Zu ihnen tritt das Continuo, wobei Stephen Smith den Cembalo-Part selber übernahm. Und so verschrieb sich die rund dreistündige Aufführung ganz den Prinzipien der Kammermusik.

So zum Beispiel in der ersten Alt-Arie «Buss und Reu», wo das Rezitativ von zwei Flöten begleitet wird, die stets differenziert und gemeinsam artikulierten. Die Altistin Annina Haug überzeugte mit ihrem samtigen Timbre, wenngleich sie in der Arie «Erbarme dich» den willkommenen Zug, den der Geiger Igor Karsko seinem expressiven und makellos intonierten Solo verlieh, etwas gebremst haben mag.

Eine so kleine Besetzung verleiht den Akteuren ein hohes Mass an Eigenverantwortung, was gleichzeitig aber auch hohe Ansprüche an die Eigeninitiative stellt. So mochte man bisweilen den Drive, der dieser Musik innewohnt, etwas vermissen.

Bisweilen gelang diese Dringlichkeit, die vielen Werken Bachs innewohnt, ganz wunderbar. Etwa im Chor «So ist mein Jesus nun gefangen», wo das Duett der Sopranistin Gabriela Bürgler und Annina Haug elegisch vorgetragen und von Ausrufen des zweiten Chores «Lasst ihn, haltet, bindet nicht!» dramatisch unterbrochen wurde.

Judas und Petrus vom gleichen Solisten

Ein mit nur acht Sängern besetzter Chor bringt spannende Doppelbesetzungen mit sich. Der Bass Kevin Gagnon interpretierte die Soli sowohl des Judas und des Petrus als auch des Pontifex und färbte jede der drei Rollen sehr differenziert.

Auch der Bass Marcus Niedermeyr, der den Jesus mit klarer Diktion und leichten Höhen verkörperte, hatte weitere Solo-Arien zu singen. So auch die letzte und wohl eine der schönsten Arien der Passion, «Mach dich, mein Herze, rein», in der Bach die Worte «Ich will Jesum selbst begraben» mit einer für ihn typischen Mischung aus Trauer und Optimismus vertont.

Die in zwei Teile und insgesamt 68 Sätze gegliederte ­Matthäus-Passion nimmt insbesondere in der sich zuspitzenden zweiten Hälfte Fahrt auf. Obwohl der Tenor Achim Glatz in der Arie «Geduld» zwar Geduld besingt, suggeriert das Continuo mit seinen scharfpunktierten Rhythmen eine ziemliche Ungeduld.

Solche Spannungsverhältnisse zwischen Text und Vertonung hätten noch etwas pointierter hervorgehoben werden können. Dafür konnte sich in der eher geduldigen Version des Ensembles Corund der unangestrengt-leichte Tenor von Achim Glatz wunderbar im Kirchenraum entfalten.

Ein starkes Frauenduo

Richard Resch als Evangelist vermochte in seinen schier zahllosen Rezitativen die Handlung stets anschaulich zu vermitteln. Schliesslich bildeten Stephanie Pfeffer (Sopran) und Ursina Patzen (Alt) ein starkes Duo im zweiten Chor: Ihre Stimmen, hell und doch tragend, zeichnen sich beide durch farbige Register aus und harmonierten durchgehend.

Das Ensemble Corund hat die Urfassung der Matthäus-Passion bereits zweimal aufgeführt: einmal 2009 und zuletzt 2013. Solche Kontinuität im Repertoire ist spannend zu verfolgen, und so darf man sich vielleicht schon jetzt auf die Matthäus-Passion 2021 freuen.

Hinweis

Eine weitere Aufführung findet heute Karsamstag um 17 Uhr in der Alten Kirche Boswil statt. www.corund.ch


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