Mit Pipilotti im Video-Wunderland

AUSSTELLUNG ⋅ Pipilotti Rist verwandelt das Kunsthaus ­Zürich in ein Wunderland und lädt uns in ihre Wohnung ein. Ein magisches Erlebnis.

26. Februar 2016, 00:00

Sabine Altorfer

Seifenblasen sind jetzt Kunst. Jede Viertelstunde steigen grosse flüchtige Gebilde vom Glasdach des Kunsthauscafés, schweben über den Platz, spiegeln die Lichter der Stadt ... und platzen. Den Seifenblasen-Automaten installiert hat Pipilotti Rist, ebenso die schimmernde Lichtskulptur unter dem Dach des Kunsthauses Zürich, die etwas Farbe in die Zwingli-Stadt bringt. «Das ist eine Installation und nicht etwa die Gras-Plantage des Chefs», sagt die Künstlerin. Und verweist weiter auf die Fassade des Kunsthauses, auf die steinernen heroischen Reliefs von Carl Burckhardt. In dessen «Amazonenkampf» greift die kämpferische Feministin ein: «Am Abend wird sie jeweils befreit.»

Diese Eingriffe an der Fassade oder auch das lustig-nachdenkliche, schön-schreckliche Relief aus Plastikabfall im Verbindungsgang («ich sammle seit 30 Jahren Plastikabfall», so Rist) sind beeindruckend, aber doch nur Vorboten dessen, was die Künstlerin und Kuratorin Mirjam Varadinis im grossen Bührle-Saal angerichtet haben.

Das Kunsthaus Zürich ehrt die Videokünstlerin Pipilotti Rist mit einer grossen Schau. Zu sehen sind alte, aber auch neue, extra für die Ausstellung konzipierte Arbeiten. Die multimediale Schau ermöglicht den Zuschauern einen sinnlichen, poetischen Rundgang durch Pipilotti Rists Werk. (Keystone, 25.02.2016)

Mit offenem Mund

Man tritt ein – und dann bleibt einem die Spucke weg, der Mund offen ... Da tänzeln Schafe, küsst ein roter Mund, enthüllen sich goldgelbe Maiskolben, schweben Blüten durch die Luft. Als Besucherin steht man mittendrin, flaniert zwischen diesen Projektionen auf hauchdünnen Gazen – fühlt sich beschwingt und doch zwergenklein. Vögel zwitschern, Wasser perlt. Sind wir hier bei Alice im Wunderland?

Doch Pipilotti Rist ist nicht Alice, sie sucht zwar das paradiesisch Schöne dieser Welt, die bunte Pracht der Natur. Und nennt die Arbeit doch «Verwaltung der Ewigkeit». Sie liebt Menschen – aber manchmal, da frisst sie sie. Wie eine Teufelin wächst sie aus dem Boden, öffnet den Mund, der wird zum Riesenmaul und verschlingt jeden, der über das magische Viereck schreitet. Dann nimmt die Natur ihren Lauf: Was oben reinkommt, geht unten wieder raus ... Fressen, verdauen: Die Körpersäfte wirken. Und werden gerne gefilmt und von der erfindungsreichen Videokünstlerin auch im leicht verqueren Ausstellungstitel «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes» beschworen.

53 ist Pipilotti Rist geworden und ein Weltstar der Videokunst. Nun endlich, nach Jahren ist sie wieder einmal in Zürich in einer grossen Ausstellung präsent. Als zweite Schweizer Künstlerin und siebte Künstlerin überhaupt darf sie den riesigen Bührle-Saal bespielen.

Und dann nimmt sie uns auch mit zu sich nach Hause. Im Wohnzimmer dürfen wir uns aufs Sofa fläzen, die Hände betrachten, die den grossen Kalkstein streicheln, ihn zum Leben erwecken, Pflanzenranken aus ihm wachsen lassen. Denn was können Berührungen auslösen? Das ist auch das Thema in «Ginas Mobile», auf dem die Kamera diskret über eine Vulva streicht und Rist zum Kommentar verleitet: «Die Arbeit zeigt, wie schnell wir aus dem Gleichgewicht geraten, wenn wir an bestimmten Hautstellen berührt werden.»

Im Handtäschli und im Bett

Doch nicht nur Körper, sondern alles, was herumsteht, scheint die Bildmagierin zum Leben zu erwecken. In den Flaschen auf der Hausbar tobt das Meer und lodern Flammen, in Handtäschchen tanzen nackte Frauen, auf Buchdeckeln streifen wir über Landschaften, und aus einer Muschel blickt uns eindringlich ein grünes Auge an.

«Wenn Sie möchten, dürfen Sie sich ins Bett legen oder unter die Decke», sagt Pipilotti Rist und zeigt auf das Doppelbett, über das ein bunter Sternenhimmel flimmert. «Fühlen Sie sich wie daheim!» Und so setzt man sich ans Schminktischli, lässt sich von ihrem Mund aus dem Spiegel beküssen und fragt sich scheu, was wohl die Chemie-Gefässe hier sollen. Überhaupt fügt diese Frau gerne Passendes und Unpassendes zusammen. Dass der Leuchter über dem Esstisch mit Unterhosen bestückt ist und selbst der Abfallcontainer auf dem «Balkon» noch Träger einer Videoarbeit ist, erstaunt uns nicht.

Auf dem Kissen

Die Ausstellung zeigt, wie aus der wilden Video-Anarchistin, die einst lustvoll Autoscheiben zertrümmern liess oder mit ihrem «Pickelporno» Videogeschichte schrieb, eine subversiv agierende Umwelt-Poetin und Botschafterin der Schönheit geworden ist.

Die Arbeiten aus über 30 Jahren zeigen aber auch, wie sich die Videokunst selber verändert hat. Was auf kleinen Bildschirmen begonnen hat, sind wand- und raumfüllende Projektionen geworden, die einen mit ihrem Sog und ihrer Bildmächtigkeit in Bann schlagen. Man sitzt auf den Kissen und «schlürft den Ozean», lässt sich von psychedelischer Musik einlullen und staunt darüber, wie schön ein Darm sich von innen präsentiert. Oder man taucht mit der Künstlerin im gelben Bikini ins Meer.

Für Zürich hat sie einen «Pixelwald» erfunden: 300 einzeln mit Videosignalen angesteuerte Glaskörperchen, die an Drähten wie edle Weihnachtsdekorationen von der Decke hängen. Wir stehen mittendrin und sehen ein farbiges Blinken und Leuchten. «So mittendrin können Sie nur einzelne Bildpunkte sehen», erklärt die Künstlerin, «aber aus 250 Meter Entfernung würde Ihr Auge die Pixel zu einem Bild zusammensetzen.» Wir glaubens und fragen uns: Was tun? Fliegen?!

Hinweis

Pipilotti Rist: Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes. Kunsthaus Zürich, bis 8. Mai. Dazu gibts eine App als Audioguide und Selfie-Animation. Und ein Buch mit einem Glossar, das Pipilotti Rist A–Z, von Angst bis Zürich, erklärt.

Das Kunsthaus Zürich ehrt die Videokünstlerin Pipilotti Rist mit einer grossen Schau. Zu sehen sind alte, aber auch neue, extra für die Ausstellung konzipierte Arbeiten. Die multimediale Schau ermöglicht den Zuschauern einen sinnlichen, poetischen Rundgang durch Pipilotti Rists Werk. (Keystone, 25.02.2016)




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