Musikalische Grenzgänge

SZENENWECHSEL ⋅ «Grenzenlos» ist das Motto des Festivals der Musikhochschule Luzern. Direktor Michael Kaufmann sagt, was man von der Musik über Migration lernen kann.

22. Januar 2016, 00:00

Interview Urs Mattenberger

Michael Kaufmann, das Thema Migration könnte mit Blick auf die Flüchtlingsthematik nicht aktueller sein. Suchten Sie diese Aktualität bewusst?

Michael Kaufmann: Nein, wir hatten das Thema bereits vor zwei Jahren gesetzt, als das noch nicht so brisant war. Trotzdem ist die Nähe zur Aktualität nicht nur Zufall. Migration war schon immer ein Thema.

Weil man bei Komponisten, die emigrierten, exemplarisch sehen kann, wie befruchtend Kulturaustausch sein kann?

Kaufmann: Auch da gibt es bei Komponisten alle Möglichkeiten. Migranten werden in der aktuellen Diskussion grob gesagt entweder als Wirtschafts- oder politische Kriegsflüchtlinge wahrgenommen. Wir wollen zeigen, wie unterschiedlich die Gründe sein können, weshalb Menschen emigrieren. Deshalb sprechen wir ja auch von Musik zwischen «Exil, Emigration und Rückkehr». Für alles gibt es in diesem Szenenwechsel-Programm Beispiele, die zeigen, dass die Grenzen zwischen ihnen fliessend sind. Das ist fast immer eine grosse Bereicherung der Musik.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kaufmann: Diese Vielfalt zeigt sich etwa im Sinfoniekonzert. Erich Korngold, der im Programm vertreten ist, machte nach seiner Übersiedlung 1934 von Wien in die USA als Hollywood-Komponist Karriere, wie die Oscars für zwei seiner Filmmusiken zeigen. Dass seine Musik amerikanische Einflüsse übernahm, hört man auch im Cellokonzert, das wir mit Christian Poltéra aufführen. Aber Juden wie Korngold wurden damals in Deutschland noch nicht verfolgt. Eine Motivation für Korngolds Übersiedlung in die USA war deshalb sicher auch die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Er emigrierte wie viele damals in ein «verheissenes Land».

In der heutigen Terminologie wäre er also sowohl Wirtschafts- wie politischer Flüchtling.

Kaufmann: Vielleicht, das unterscheidet ihn von Bela Bartók, von dem das im amerikanischen Exil geschriebene Konzert für Orchester erklingt. Bartók ging in die USA, weil er gesundheitlich angeschlagen war und mit dem Leben im kriegsversehrten Europa nicht zu Rande kam. Aber seine Musik lässt keine amerikanischen Einflüsse erkennen. Im Gegenteil: Hier hört man moderne ungarische Volksmusik.

Wie passt da die Uraufführung der 1971 geborenen Schweizer Komponistin Katharina Rosenberger hinein?

Kaufmann: Sie stammt aus einer jüdischen Familie, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlitt. Katharina Rosenberger thematisiert das mit ihrem Orchesterwerk «Spuren» und wird darüber am Symposium sprechen, an dem zum Thema Migration Referenten aus dem In- und Ausland teilnehmen.

Im Sinfoniekonzert treten die Junge Philharmonie Zentralschweiz und das Luzerner Sinfonieorchester erstmals gemeinsam auf. Gibt es in Zukunft regelmässig ein Luzerner Grossorchester mit gegen hundert Musikern?

Kaufmann: Ja, das ist ein absolutes Win-win-Projekt. Das Luzerner Sinfonieorchester erhält die Möglichkeit, in grosser Besetzung zusammen mit musikhungrigen Talenten aufzutreten. Damit sich die beiden Orchester auf Augenhöhe begegnen können, werden unsere Studenten in vorgängigen Registerproben von Stimmführern des LSO vorbereitet. Das ist für das Studium im Orchesterbereich die beste Ausbildung für Studierende, die man sich wünschen kann.

Migration spielte schon bei der Entstehung des Jazz eine entscheidende Rolle. Setzt dieser einen entsprechenden Akzent im Szenenwechsel-Programm?

Kaufmann: Das Konzert der Big Band passt insofern sehr gut ins Thema, weil der Gastsolist Franck Tortellier eine Musik macht, die mit einer Art Crossover und einer Hommage an die französische Volksmusik die Tradition interkultureller Einflüsse im Jazz weiterführt. Generell ergeben sich die Programmpunkte daraus, dass das Festival eine Werkschau der Musikhochschule ist. Deshalb sind alle Studienbereiche mit eigenen Veranstaltungen vertreten – bis hin zur Orgelvesper oder zur Kammermusik, wo Leos Janácek mit seiner «Kreutzersonate» für das Phänomen des inneren Exils steht.

Das von der Musikhochschule mitini­tiierte Buch «Neue Volksmusik» zeigt, wie Migration immer schon auch der Schweizer Volksmusik neue Impulse gab. Was ist davon im Volksmusikkonzert zu hören?

Kaufmann: Da stellen wir Auswanderer wie Rückkehrer vor. Im letzten Teil präsentiert die Alpini Vernähmlassig einerseits Ländlermusik von Schweizern, die nach Amerika ausgewandert sind. Anderseits erklingt Musik des legendären Innerschweizer Klarinettisten Kasi Geisser, der die Ländlermusik nach 1920 weiterentwickelte und so die «Tradition» mit offenem Ohr für alle Musik anreicherte. Dem stellen ein Bläserensemble und Jodelformationen Stücke aus alten Schweizer Sammlungen gegenüber.

Hinweis

Das Festival Szenenwechsel wird eröffnet mit dem Konzert der Big Band der Musikhochschule Luzern (Sonntag, 24. Januar, 19.30) und dauert bis Freitag, 29. Januar. Volksmusik-Konzert: Mo, 25. Januar, 20 Uhr, Jazzkantine; Sinfoniekonzert: Mi, 27. Januar, 19.30 Uhr, KKL. Symposium «Exile and Emigration»: Di, 26., bis Mi, 27. Januar.; www.hslu.ch


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