Normal sein ist ganz schön anstrengend

THEATER ⋅ Der Vater: ein chronisch kranker Kiffer. Die Mutter: in den Tod gerast. Wie man als Tochter dennoch Normalität lebt, zeigt eine Inszenierung des Voralpentheaters.

22. Februar 2016, 00:00

Julia Stephan

Gewöhnliche Teenager halten sich für aussergewöhnlich. Bei der 16-jährigen Duck verhält es sich genau umgekehrt. Duck, Halbwaise, in sozial prekären Verhältnissen lebend, wünscht sich für sich nur eins: Normalität.

Doch am Samstagabend wurde im Theater Pavillon Luzern Ducks Abweichung von der Norm erst mal ganz unbarmherzig in den Kamerafokus genommen. Gleich zu Beginn von David Greigs Jugendstück «Monster», der neuen Produktion des Luzerner Voralpentheaters, wandert eine Kameralinse über den Körper des Mädchens, zoomt auf seine Alleinstellungsmerkmale. Erst das Muttermal, dann das Grübchen, dann der blonde Haarvorhang vorm runden Brillengestell.

Pubertärer Vater

Laienschauspielerin Nina Duss geht ganz auf in der Rolle des verletzlichen Teenie-Mädchens, das sich mit Brille und Schmuddel-Look gegen das Leben panzert und gezwungen ist, für den an mul­tipler Sklerose erkrankten Vater (weiblich besetzt mit Iva Vaszary) die Mutterrolle zu übernehmen. Der schlurft mit Schlotterklamotten pubertärer herum als sie. Und weil sein Wille wegen Cannabiskonsum aus Gartenproduktion erlahmt ist, hat Duck ihren eigenen Vater dressiert wie ein Rennpferd. Schliesslich muss das häusliche Zusammenleben irgendwie funktionieren. Dass sich Ducks zupackendes Temperament dabei aus Verzweiflung speist, merken nur die Zuschauer.

Der schottische Dramatiker David Greig erhielt für «Monster» 2014 den Deutschen Jugendtheaterpreis. Die Jury lobte die Kreativität und «seelische Widerstandskraft» von Greigs jugendlicher Heldin. Regisseurin Annina Dullin-Witschi hat Ducks Überlebensstrategie, die auf ihrer Fähigkeit fusst, mit Fantasie die Realität ins Erträgliche umzudeuten, in freche Regieeinfälle überführt. Auf der schwarzen Bühne präsentiert sich uns zunächst ein chaotischer Küchentisch, auf ihn gerichtet sind, grell und unbarmherzig profan, die Scheinwerfer.

Bringt der Alltag mit dem sozial verwahrlosten Vater Ducks «Klarkommweltbild» ins Wanken, oder durchkreuzt ihr Schwarm Lawrence (Jules Gisler) ihre Verliebtheitsfantasien mit unmoralischen Angeboten – sie soll ihm einen blasen, um die Virilität des unter Schwulenverdacht stehenden Lawrence wiederherzustellen –, sublimiert Duck die Vorfälle in ein Prinzessinenmärchen. Der Besuch der Sozialarbeiterin (Keziea Ndong) wird schliesslich zum Tetris-Spiel, in dem sich Duck Level für Level den Status erkämpft, einer ganz normalen Familie anzugehören – bei Game Over warten fürsorgerische Massnahmen.

Duck, die Schwarzseherin

Denkt Duck, die im Stück die Sympathien klar auf ihrer Seite hat. Doch das Mädchen sieht die Verhältnisse schwärzer als schwarz. Gegen ihre Annahme schaut der Vater nachts keine Pornos, sondern spielt mit einer systemkritischen Bekanntschaft aus Schweden (Natasha Sebben) ein Computerspiel. Und die Sozialhilfe will vor allem eines: helfen.

Kein Betroffenheitsstück

Doch in Ducks Vorstellungswelt, in die wir bei Dullin-Witschi eintauchen, knallen die pinken Schuhe der Sozialarbeiterin auf dem Boden wie Schüsse. Und Keziea Ndong hat als Katastrophen-Fee und Sozialarbeiterin in Personalunion kraftvolle Auftritte als Ducks brüllendes Unbewusstes. Wild trampelt und stampft sie vor Duck auf, will sie an das erinnern, woran Duck nicht erinnert werden möchte: Nichts ist hier normal.

«Monster» ist kein soziales Drama mit Betroffenheitsnote. Dafür nehmen sich die Figuren zu wenig ernst. Man darf über sie lachen bei ihren Versuchen, den Alltag mit Fantasie zu meistern.

Regisseurin Annina Dullin-Witschi setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Energie ihrer jungen Schauspieler. Die lindernde Kraft des Galgenhumors hat sie in dieser rasanten, jugendlichen Inszenierung wunderbar getroffen.

Hinweis

«Monster» im Theater Pavillon Luzern: 24.2., 26.2., 27.2., 28.2., 2.3., 4.3., 5.3., 1.4., 2.4., jeweils 20 Uhr. www.luzernertheater.ch


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