Pianist im Goldrausch

PIANO-FESTIVAL ⋅ Igor Levit spielte Bachs Goldberg-Variationen. Die Interpretation begeisterte durch einen gesanglichen Zugang und die feinsinnige Wahrnehmung musikalischer Gewebe.

25. November 2016, 00:00

Reichsgraf Keyserlingk kann nicht schlafen. Was tun? Er bestellt bei Bach eine «Aria mit verschiedenen Veränderungen», auf dass ein gewisser Johann Gottlieb Goldberg ihm die Variationen in schlaflosen Nächten vorspielen möge. Diese Entstehungsgeschichte der Goldberg-Varia­tionen ist umstritten, war doch Goldberg im Entstehungsjahr 1741 erst vierzehn. Zudem eignet sich das Werk herzlich schlecht zum Einschlummern.

Wie viel Agilität, Glanz, aber auch Tiefsinn in dieser Partitur steckt, zeigte Igor Levit am Mittwochabend im Rezital eindrücklich. So viel Zärtlichkeit legte er in die zerbrechliche Melodie der eröffnenden Aria, die Wiederholungen (er spielte sie alle) versah er mit noch gesteigertem Ausdruck; hier ein Sekundenbruchteil mehr Zeit vor dem Arpeggio, dort ein kleiner Atem in der Schlusswendung.

Grosse Körperlichkeit

Als er zur ersten Variation anhob, horchte man erst recht auf. Orchestral gestaltet und geprägt von einem differenzierten Legato-Spiel, liess er die Stimmen melodiös leuchten. In der zweiten Variation folgte Levit mit seinem Körper so exakt den kontrapunktischen Strängen, dass man bisweilen meinte, er küsse den Flügel. Diese Körperlichkeit kommt nicht von ungefähr: Zum einen scheint es bei einem Werk vom Umfang der Goldberg-Variationen unumgänglich, den ganzen Bewegungsapparat ins Spiel zu integrieren. Zum anderen visualisieren sich dadurch die Bänder und Schleifen der Stimmführung. Manchmal gab sich Levit selber Einsätze wie ein Dirigent – und nahm so das Publikum im KKL während achtzig Minuten bei der Hand.

Nach den ersten Variationen, die sich feierlich und geschmackvoll wie edel verarbeiteter Brokat ausbreiteten, überraschte die siebte Variation: Die trillerreiche Gigue wirkte wie feinste Spitze. Und hörte man da durch die technische Brillanz etwa Humor im bach’schen Opus magnum? Ja, denn auch Schalk und Witz haben Platz in diesem Werk. Ohnehin finden sich in den dreissig Variationen sämtliche vorstellbaren Gefühlslagen – und der 29 Jahre junge Levit scheint mit jeder einzelnen vertraut zu sein.

Zierliche Fäden

So griff in der sechsundzwanzigsten Variation eine Traurigkeit um sich, schwer wie dunkler Samt, die Melodie sang klagend, aber nie anklagend. Umso erfrischender dann der folgende Sturm aus Skalen und Trillern, der daran erinnerte, dass Bach mit den Goldberg-Variationen nicht nur kompositions-, sondern auch spieltechnisch einen Meilenstein gesetzt hat.

Dramaturgisch geschickt gestaltete Levit die Mitte des Stücks: Auf die Süsse und die Melancholie der fünfzehnten Variation folgte der Auftakt zur zweiten Hälfte mit freudig deklamierten Arpeggios und Tonleitern.

Kurios war dann schliesslich die letzte Variation: Was soll noch folgen auf die komplizierten Kanons und kontrapunktischen Kniffe?

Bach antwortet mit Schlichtheit. In einem Quodlibet zitiert er gleich mehrere Volksliedmelodien, die Levit zurückhaltend interpretierte. Zum Schluss erklingt dann noch einmal die anfängliche Aria. Levit spielte sie noch fragiler, noch durchsichtiger und berührender als am Anfang.

Als zerlege er die dreissig prächtig gewebten Stoffe wieder in ihre Einzelteile, nämlich in zierliche Fäden. Die Tiefe, mit der sich Levit die Goldberg-Variationen erschlossen hat, liess den Goldberg zu einem förmlichen Goldrausch anwachsen.

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch


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