Pianisten aufeinander losgelassen

PIANO-FESTIVAL ⋅ Acht Jazz-Pianisten wärmten sich für ihre abendlichen Auftritte bis Sonntag in Luzerner Bars auf. Aber bei den Tastenspielereien auf höchstem Niveau bebte der Luzerner Saal lange vor dem Publikum mit.

24. November 2016, 00:00

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Andrang wird jedes Jahr grösser, wenn es heisst: «Opening Piano Off-Stage». Es hat sich längst herumgesprochen, dass man da, parallel zu den Rezitals des Piano-Festivals im Konzertsaal, im Luzerner Saal geballte Kraft an zwei Flügeln zu hören bekommt. Internationale Spitzenpianisten der Jazz-Szene begeisterten am Dienstag mit unterschiedlichsten Genres die Zuhörer, die sich bis weit ins Foyer versammelt hatten.

Mit einer Hommage an Duke Ellington eröffnete der deutsche Jazz-Musiker Christof Sänger den Abend und liess «In A Sentimental Mood» und «Caravan» wie neu erstehen. Dann zog die Schweizerin Christina Jaccard mit ihrer samt-rauen Stimme das Publikum in ihren Bann. Sie forderte, sich selbst begleitend, hinreissend «Give me some words of sympathy». Wie sie im «Wasted Life Blues» der Blues-Legende Bessie Smith jede Regung stimmlich bis in tiefste Töne ausformte, bot Drive und Soul vom Feinsten.

Vom Zuhören zum Mitswingen

Als dann der Spanier Ricardo Regidor, der an der Jazzschule Luzern lehrt, seine unglaubliche Verbindung von Flamenco und Jazz erklingen liess, war es erstaunlich, dass die Zuhörer nicht schon mal sichtbar mitbebten – gerade so, als befände man sich doch nebenan im Konzertsaal. Da hätte einer wie Regidor durchaus auch hingepasst, als er mit exakten Rhythmen, melodiöser Schwärmerei und sinfonisch vollgriffigen Akkord-Rückungen ein immenses Spektrum pianistischer Möglichkeiten aufriss.

Aber erst Frank Muschalle schien mit seinem Boogie-Woogie das Publikum von reinem Zuhören zum Swingen zu animieren – mitzuklatschen traute man sich aber selbst da immer noch nicht. Dabei steigerte der Deutsche zwei Eigenkompositionen zu irrwitzigem Tempo, das Flügel und Saal beben liess. Seine Fingerspielereien kamen so virtuos, dass man hätte denken können, da spielten bereits zwei Pianisten. Doch das kam später, Moderator Andreas Müller-Crepon kündigte an: «Wir treiben die Pianisten zu Paaren und lassen sie aufeinander los!»

Zunächst aber schuf Simon Mulligan mit «Improvisations on Nostalgie» und ausdrucksvoll sanftem Anschlag für einen starken Kontrast. Der Meister der leisen Töne, ein Allrounder, der auch klassische Musik spielt, ging bis in melancholisch ruhige Stimmungen, um dann in einer Eigenkomposition ein glasklares Feuerwerk an Rhythmen und Virtuosität zu entfachen.

Und er durfte nicht von der Bühne, denn nun gab es die erste «Paarung». Ohne je miteinander gespielt zu haben, liessen sich Mulligan und Christof Sänger aufeinander ein, trieben sich in organisch entstehende Klang­orgien über «Take The ‹A› Train». Erst da kam auch der erste Zwischenapplaus.

Der junge Italiener Luca Filastro versetzte das Publikum mit «Tiger Rag» nach der Pause gleich wieder in Höchststimmung, animierte zum rhythmischen Zwischenklatschen und verzauberte mit irrem Tempo und spritzigem Charme. Vince Benedetti aus den USA, ein Poet am Klavier, führte wieder in ruhigeren Swing, fast träumerisch klang sein «Round Midnight».

Paarungen zu später Stunde

Spannend war dann sein Dialog mit Regidor, vor dem er sagte: «Wir haben nicht geübt, wir haben nur spanisch gesprochen.» Und als Jean-Baptiste Franc aus Frankreich Chopins «Valse de l’adieu» in ein neues Stück voller Emotionen und starker Steigerungen wandelte, tobten die Zuhörer. Mit Filastro zusammen funkte es sofort zu einer lässig gespielten Improvisation, bei der sie schon mal die Plätze tauschten. Christina Jaccard und Frank Muschalle ergänzten sich wunderbar im gemeinsamen Blues, und die folgende Jam-Session verführte die acht Ausnahmekünstler zu Überflügen in Boogie-Rhythmen. Man sollte es sich also nicht entgehen lassen, wenn alle diese Pianisten bis Sonntag allabendlich in Bars und Hotels auftreten, wobei auch da Paarungen und Jam-Sessions zu später Stunde nicht ausgeschlossen sind.

Hinweis

Die Off-Stage-Pianisten treten bis Sonntag in folgenden Luzerner Hotelbars auf: The Hotel, Des Balances, Schweizerhof, Palace, Wilden Mann, National, Montana.

www.lucernefestival.ch


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