Radikales Denken und Leben

KINO ⋅ Sie war die erste Frau in der männerdominierten Welt der Psychoanalyse: Lou Andreas-Salomé (1861–1937). Ein Dokudrama macht die unglaubliche Biografie spannungsreich lebendig.
08. September 2016, 00:00

Die Trailer zu allen Filmen finden Sie auf www.luzernerzeitung.ch/kino

Geri Krebs

Es gibt immer wieder Lebensgeschichten berühmter Persönlichkeiten, bei denen man staunen muss, dass sie noch nie verfilmt worden sind. Diejenige von Lou Andreas-Salomé gehört dazu. Regisseurin Cordula Kablitz-Post hat sich bisher mit TV-Dokus über Künstler wie Christoph Schlingensief oder Nina Hagen einen Namen gemacht. In ihrem ersten Kinofilm beweist sie inszenatorisches und dramaturgisches Geschick in der Darstellung eines Frauenlebens, das sich konsequent den Konventionen einer repressiven Epoche verweigerte.

Brief an Sigmund Freud

Ausgangspunkt ist das Jahr 1933, die Nazis sind in Deutschland an der Macht. In einer der ersten Szenen sieht man, unterlegt vom Gebell eines Nazi-Schergen, einen brennenden Bücherhaufen. Die Flammen zerstören eine Fotografie von Sigmund Freud, und in der nächsten Szene steht diese Fotografie gerahmt in einer Wohnstube. Eine ältere Frau (Nicole Heesters) schreibt einen Brief an den greisen Begründer der Psychoanalyse, schildert ihm die schrecklichen Vorfälle in Deutschland.

Die 72-Jährige ist Lou Andreas-Salomé, sie lebt zu diesem Zeitpunkt zurückgezogen in ihrem Haus in Göttingen mit ihrer treuen Haushälterin Mariechen, als ein junger Mann an der Türe klingelt und um Hilfe bittet. Es ist der Germanist Ernst Pfeiffer (Matthias Lier), er möchte in diesen schweren Zeiten psychologischen Rat für einen Freund mit Schreibstau und Eheproblemen.

Psychoanalyse verteufelt

Die lebenskluge Frau erkennt den Schwindel, der angebliche Freund existiert gar nicht, Pfeiffer selber sucht Hilfe. Zwar gibt Lou Andreas-Salomé ihm den Bescheid, dass sie nicht mehr praktiziere und die Psychoanalyse von den neuen Machthabern ja als «jüdisch» verteufelt sei. Doch weil der sanfte junge Mann ihr sympathisch ist, weist sie ihn nicht ab. Im Verlauf eines längeren Gesprächs lässt sie ihre Absicht erkennen, die Erinnerungen an ihr Leben mit Hilfe einer fachlich versierten Person niederzuschreiben. So wird Ernst Pfeiffer zu ihrem Vertrauten.

Traditionelle Frauenrolle verweigert

Der Kunstgriff mit dieser Figur ermöglicht dem Film längere Rückblenden, die, öfters von Pfeiffers Nachfragen unterbrochen, jede für sich allein schon Stoff für einen Film böten. Geboren 1861 in einer grossbürgerlichen Familie in St. Petersburg, fällt Lou früh mit ihrem Wissensdurst und der Verweigerung einer traditionellen Frauenrolle auf. Dank eines Mentors kann sie Philosophie und Religionswissenschaften studieren, im fernen Zürich, der damals einzigen Universität, die Frauen zulässt.

Lou ist radikal im ihrer Sicht auf Beziehungen zu Männern, will ihnen nur platonisch und auf Augenhöhe begegnen. Sie lernt Denker wie den Philosophen Paul Rée und seinen besten Freund Friedrich Nietzsche oder den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen. Während sie mit ersteren beiden eine platonische Dreier-WG gründet, heiratet sie letzteren, aber nur unter der Bedingung einer ebenfalls nur platonischen Ehe.

Erstmals körperliche Liebe

Erst als sie mit 35 dem viel jüngeren Rainer Maria Rilke begegnet, lässt sie sich auf körperliche Liebe ein. Doch auch vom jungen Dichter lässt sie sich nicht einengen und trennt sich von ihm. Sie beginnt Affären mit weiteren Männern und lernt mit 50 Sigmund Freud und seine Psychoanalyse kennen, wird zur ersten Frau, die sich in der neuen Wissenschaft behaupten kann. Als «Versteherin par excellence» und «Dichterin der Psychoanalyse» würdigt Freud sie.

Geschickt entwirrt Cordula Kablitz-Post das Beziehungsknäuel um die Rebellin. Dabei überzeugen nicht nur die liebevolle Ausstattung samt der bezaubernden Idee, an manchen Stellen kolorierte Bildpostkarten der Schauplätze «lebendig» werden zu lassen, sondern auch die schauspielerischen Leistungen der «drei Lous». Sowohl als Kind wie als Lebenskünstlerin (Katharina Lorenz) oder als alter Diva (Nicole Heesters) lassen sich die Motive der Frau erahnen, die einst schrieb: «Sofern du willst ein Leben haben: Raube es dir!» •••••

Hinweis

«Lou Andreas-Salomé» startet heute im Kino Bourbaki (Luzern).

Video: Lou Andreas-Salomé - Trailer

Biografie von Cordula Kablitz-Post. Kinostart: 8. September 2016. (Tel-A-Vision, 14.06.2016)




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