«Sachen, die ich mir schwer verzeihen kann»

LITERATUR ⋅ Zum fünften Todestag von Christa Wolf ist ein Band mit fast 500 Briefen der DDR-Autorin erschienen: eine deutsch-deutsche Geschichte in präzisen Anmerkungen.

01. Dezember 2016, 00:00

«Gehen oder bleiben» wurde für Christa Wolf spätestens seit ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 eine zentrale Frage. Sie zahlte, auch nach dem Fall der Mauer noch, einen hohen Preis für ihr Bleiben. Sogar Gedanken an Suizid kommen auf. «Manchmal frage ich mich, ob ich es meinen Kindern und Enkelkindern nicht schuldig bin, sie hier wegzubringen.»

Wolf glaubte auch, dass es Listen gab mit Leuten, die im Krisenfall in Lager zu bringen sind, und sie vermerkt, sie habe nicht einmal «durch die Beschaffung eines schmerzlos tötenden Medikaments vorgesorgt». Das schrieb Wolf 1984 in einem vermutlich nie abgeschickten Briefentwurf an die Frau des russischen Dissidenten Lew Kopelew. Fast 500 Briefe und Entwürfe sind jetzt in einem über 1000 Seiten umfassenden Band veröffentlicht worden, den Sabine Wolf (nicht verwandt) zum fünften Todestag der Autorin (1. Dezember) herausgegeben hat. Sie ist die Leiterin des Literaturarchivs der Berliner Akademie der Künste, die den Nachlass der Schriftstellerin («Der geteilte Himmel») betreut.

Bisher gab es nur einige Briefwechselbände mit Briefpartnern wie Brigitte Reimann, Franz Fühmann und Anna Seghers. Besonders verdienstvoll ist jetzt die Recherche-Kleinarbeit der Herausgeberin bei den präzisen Anmerkungen zu den einzelnen Briefen über Personen, Hintergründe und Zusammenhänge, die heute nicht mehr vielen Lesern präsent sind, denn Wolf schwante schon zu Lebzeiten, dass die Jüngeren sich «immer weniger für unsere Geschichtsblessuren interessieren» werden.

Die Anmerkungen zu den Briefen mit ihren zahlreichen Detailinformationen stellen schon für sich eine kleine deutsch-deutsche Geschichte dar, vor allem natürlich auch Literaturgeschichte. Der ganze Band ist ein kleiner Epochen- und Briefroman über Utopien, Illusionen, Missverständnisse, Enttäuschungen und Bemühungen um ein «neues Deutschland» nach 1945, an dem Christa Wolf im Osten Deutschlands mitwirken wollte.

Desillusionierung begann schon 1968

Wie das im Kulturleben der DDR ablief, schildert die Schriftstellerin in ihren Briefen an Kollegen, andere Prominente und einfache Leser (denen sie immer antwortete) – bis hin zu ihrer Desillusionierung, die eigentlich schon mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 begann und mit der Biermann-Ausbürgerung 1976 ihren dramatischen Höhepunkt erreichte («Es wird so leer, man fängt an zu frieren»).

Spätestens seit ihrem offenen Protest gegen diese Biermann-Ausbürgerung, den sie zusammen mit anderen Kollegen wie Stefan Heym, Volker Braun, Heiner Müller, Sarah Kirsch und Stephan Hermlin unterzeichnet hatte, ist Wolf immer stärker im Visier der Stasi, mit der sie selbst in jungen Jahren mal kurzzeitig zusammengearbeitet hatte – «das sind Sachen, die ich vergessen habe und die ich mir schwer verzeihen kann».

Die Drangsalierungen und Behinderungen gegen sie nehmen seit 1976 zu, die Wolf – wie die ganze politische Entwicklung in der Endphase der DDR – in Depressionen stürzen und zunehmend auch körperliche Schmerzen verstärken. Spitalaufenthalte und Operationen nehmen zu.

Sie bleibt, obwohl sie später die Punkte findet, «wo ich mir, von heute aus gesehen, wünschte, radikaler, konsequenter gehandelt zu haben». In einem nicht abgeschickten Briefentwurf vom Februar 1977 erklärt Wolf ihren Austritt aus der SED («Ich kann nicht weiter schweigen, ohne meine Selbstachtung zu verlieren»). Doch es sollte noch elf Jahre dauern, bis sie die Partei verliess.

Wilfried Mommert/dpa

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Christa Wolf: «Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten – Briefe 1952–2011», Suhrkamp Verlag, 1040 Seiten; Fr. 49.90


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