Solist oder Teamplayer? Beides war zu hören

KKL ⋅ Das Lucerne Festival Piano ging gestern zu Ende. Perlende Virtuosität und feinste Kammermusik begeisterten die Zuhörer an den letzten Konzerten des Wochenendes.

28. November 2016, 00:00

«Nimm sie hin denn, diese Lieder» aus Beethovens Liederzyklus «An die ferne Geliebte» zog sich wie ein roter Faden durch die beiden letzten Konzerte des Festivals. Denn in Robert Schumanns Fantasie C-Dur wie in Johannes Brahms’ Klaviertrio Nr. 1 H-Dur op. 8 scheint diese Melodie auf und ist von beiden eine verborgene Widmung an Clara Wieck, ab 1840 die Ehefrau Schumanns.

Schumann war im Rezital am Samstagabend mit dem Solisten Rudolf Buchbinder zu hören und Brahms in der Matinee am Sonntag mit dem Kammermusiker Lars Vogt und Freunden. Das Festival endete diesmal also mit einem Kammerkonzert, was Schule machen könnte, ist doch der Pianist als Teamplayer zu erleben. Und in beiden Konzerten war die Zugabe ein Höhepunkt.

Gefühle des Komponisten nachempfunden

Rudolf Buchbinder öffnete mit seiner ersten Zugabe eine ganz andere Seite seines Könnens und setzte damit ein überraschendes Glanzlicht. Er spielte die Gigue aus Bachs B-Dur-Partita mit zauberischer Leichtigkeit, federnd zart und ungemein klar artikuliert. Und in der Paraphrase «Soirée de Vienne» von Alfred Grünfeld spielte er die Walzermelodien aus der «Fledermaus» von Johann Strauss tänzerisch aus.

Da war nichts mehr von der anfänglichen Nervosität zu erkennen, die in den beiden ersten Sätzen von Robert Schumanns Fantasie mit Ungenauigkeiten und viel Pedal hörbar war. Im dritten Satz aber spürte Buchbinder der Leidenschaft und Sehnsucht des Komponisten impressionistisch klangvoll nach und liess die Melodiebögen fein ausschwingen. So wurde der Kreis zum Eröffnungskonzert des Piano-Festivals, in dem Grigory Sokolov Schumanns Fantasie ebenfalls gespielt hatte, geschlossen.

In der Paraphrase über «Rigoletto» von Franz Liszt liess Buchbinder die Themen des vielschichtigen Quartetts aus der Oper deutlich hervortreten und umspielte sie mit perlender Virtuosität. Filigran waren hier alle Töne selbst in schnellstem Tempo zu hören. Wie der Pianist im Interview mit unserer Zeitung sagte (19. November), fallen ihm schwierige Werke «technisch sogar leichter» als früher. In den Sinfonischen Etüden op. 13 von Schumann konnte er all seine Erfahrung bündeln. Er gestaltete die einzelnen Variationen differenziert und machte diese aus «Seelenzuständen» entstandenen, virtuosen Etüden zu charakteristischen Miniaturen, die sich stimmig ergänzten.

Ersatz in nur zwei Tagen einsatzbereit

Der Herausforderung, nicht in geplanter Besetzung aufzutreten, waren Lars Vogt und seine Mitspieler gewachsen. In zwei Tagen musste Ersatz für die erkrankte Geigerin Veronika Eberle gefunden werden. Mit Antje Weithaas trat eine Musikerin auf, die in der Violinsonate Nr. 1 G-Dur von Brahms ebenso wunderbar mit Lars Vogt harmonierte wie im Trio mit der Cellistin Tanja Tetzlaff und im Quartett mit Florian Donderer an der Viola. Schon in der Sonate überzeugten ihr warmer Klang, ihr ausdrucksstarkes Spiel und ihre Kantilenen, denen Lars Vogt ebenso antwortete.

Wie vielseitig sein Spiel ist, wie er sich jeder Regung seiner Mitspieler anpasst, sich zurücknimmt, um dann wieder kraftvolle Akkorde und Arpeggien den Streichern entgegenzusetzen, das überzeugte. Die filigrane Begleitung des Pianisten liess auch feinstes Pianissimo zu, dem die Zuhörer atemlos lauschten. Im H-Dur-Trio begeisterten Geige und Cello in ihren Dialogen ebenso wie im Unisono, und die Musiker interpretierten das Scherzo in elfenhafter Leichtigkeit, die sich zu brillantem Gesang wandelte.

In Brahms’ Klavierquartett Nr. 3 c-moll op. 60 ergänzten sich die nun vier Künstler grossartig, bewundernswert war das mühelose Zusammenspiel; die Differenzierung und Dynamik, in der selbst jeder Akzent wie aus einem Instrument erklang, zeigte, wie flexibel sie miteinander harmonieren. Dass sie in der Zugabe, dem «Rondo alla Zingarese» aus dem Klavierquartett Nr. 1 g-moll op. 25 von Brahms noch einmal an alle Grenzen gingen und den Zuhörern ebenso viel Freude bereiteten wie sich selber, war ein würdiger Abschluss des Festivals, der zu Recht bejubelt wurde.

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch


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