Übrigens

Spazieren? Warum?

Julia Stephan über Freizeitgestaltung

12. September 2016, 00:00

Während einer Ferienwoche in einem Surfcamp, zu der ich mich hatte überreden lassen, habe ich festgestellt: Surfen ist nichts für mich. Auf den Wellen reiten löst bei mir keine Euphorie aus – im Gegenteil: Die Wellen machen mir Angst.

Nach zwei Tagen auf Konfrontationskurs entschied ich mich, die Wellen künftig beim Morgenspaziergang vom Strand aus zu betrachten. Da wirken sie erstens poetischer und zweitens hatte ich so endlich Zeit, darüber nachzudenken, was mich im Meer emotional so durchgerüttelt haben könnte.

Als ich auf einem meiner Morgenspaziergänge erfrischt ins Camp zurückkam, fragte mich eine deutsche Doktorandin der Jurisprudenz, was ich unternommen hätte. Ich hätte einen ausgedehnten Spaziergang gemacht, erzählte ich ihr. Ihre Antwort traf mich wie eine dieser Wellen, auf die ich schon beim Surfen nie vorbereitet gewesen war: «Warum?»

Da war ich erstmal sprachlos. Was hätten Sie so einem Menschen geantwortet, der auch noch in der Freizeit auf dem beruflichen Leistungspedal steht? Dass Spazieren zwar keine körperliche Ertüchtigung ist, aber trotzdem glücklich macht? Hätte ich Seneca zitieren sollen, der die Musse in seinen «Lucilius»-Briefen schon 2000 Jahre vor mir gegen das Ideal einer aktiven Lebensweise zu legitimieren versucht hat?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich jogge, bike, und rase zuweilen beruflich mit Rekordleistungen durchs Wochenende. Aber gerade deshalb sind mir vermeintlich sinnlose Tätigkeiten besonders wichtig.

Vielleicht ist mir auch wegen dieser Lebenseinstellung kürzlich bei der Bestellung zweier Pressekarten für eine Theateraufführung folgender freudscher Verschreiber unterlaufen. Selbstentlarvend schrieb ich an den Veranstalter: «Sie können mir gerne zwei Tage auf die Seite legen.»


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