Star der Extreme

TODESTAG ⋅ Heute vor 25 Jahren starb Klaus Kinski. Sein Ende war, gemessen an seinem lauten und schnellen Leben, überraschend leise und einsam.

23. November 2016, 00:00

Der letzte Ort, an dem der weltbekannte Schauspieler Klaus Kinski lebte, ist völlig abgeschieden. Eine Idylle, am Ende einer holprigen Landstrasse, die in einen Waldweg mündet. Die Hütte aus Holz und Stein ist von Mammutbäumen umgeben. «Ein Himmel auf Erden, ruhig und friedlich», so beschreiben die Besitzer Liz und Chuck Ford das Blockhaus auf einem Hügelrücken über der kalifornischen Ortschaft Lagunitas, eine gute Autostunde von San Francisco entfernt.

Das Ende eines lauten, exzentrischen Lebens war einsam. Nach Angaben der Behörden in Lagunitas erlitt Kinski am 23. November 1991 einen Herzinfarkt. Der 65-Jährige starb allein in seinem Haus, vermutlich im Schlaf. «Die Nachricht von seinem Tod war eine grosse Story», erinnert sich der 70 Jahre alte Chuck Ford. «Hubschrauber flogen über das Gebiet, aber sie fanden nichts, denn sie suchten ein riesige Villa, wie sie einem Star gebührt.»

Vor zwölf Jahren kaufte er das einfache Blockhaus: einen gemütlichen Wohnraum mit einem Holzkamin. Von dort führt eine Wendeltreppe zu einer offenen Loft, wo Kinski schlief. Kein Fernsehen, kein Internet, dafür ein weiter Blick über bewaldete Hügel, kein anderes Haus weit und breit. «Mitten im Nichts, der perfekte Zufluchtsort», sagt Ford. Gerade das schätzten die Besucher, die das private Feriendomizil heute im Internet buchen.

Nähe zu Sohn Nikolai

Was trieb Kinski Anfang der 1980er-Jahre in diese ländliche Abgeschiedenheit? «Er wollte nicht in Deutschland, in Paris oder in Los Angeles leben. Er zog hierher, um seinem Sohn nahe zu sein», erzählt der US-Filmproduzent Tom Luddy, Mitbegründer des Filmfestivals von Telluride und einstiges Jurymitglied bei der Berlinale.

Sohn Nikolai, 1976 in Paris geboren, wuchs nach der Scheidung seiner Eltern nahe Lagunitas bei seiner Mutter auf. Kinski hinterliess drei Kinder aus vier Ehen, die dem Vater beruflich folgten. Pola stammt aus der ersten Ehe mit Gislint Kühlbeck, Nastassja aus der zweiten Ehe des Schauspielers mit Ruth Brigitte Tocki, Nikolai aus der dritten Ehe mit der Vietnamesin Minhoi Genevieve Loanic.

«Er war ein Mann mit vielen Widersprüchen, starken Gefühlen und grossen Problemen», sagt Luddy. «Kinski war ein fürchterlicher Vater für seine Töchter, aber später wollte er für seinen Sohn ein besserer Vater sein.»

Er randalierte auch mal auf der Bühne

Tochter Pola hatte ihren Vater, der heute 90 Jahre alt wäre, 2013 des schweren sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Die Übergriffe begannen demnach, als sie fünf Jahre alt war, und endeten erst mit 19. Auch Nastassja Kinski erklärte, er habe sie als Kind mit Annäherungsversuchen belästigt. Er habe die Familie terrorisiert.

Kinski war ein Star der Extreme: von den einen als Genie verehrt, während andere einen Wahnsinnigen und Egomanen sahen. Mal randalierte er auf der Bühne, mal ging er auf Moderatoren los. Beim Dreh war er als Wüterich gefürchtet.

Regisseur Werner Herzog, der seine Kinski-Erlebnisse 1999 in dem Film «Mein liebster Feind» dokumentierte, erinnerte sich neben «monströsen Kämpfen» auch an eine «tiefe Freundschaft». Fünf Filme drehten sie zusammen, darunter «Aguirre – der Zorn Gottes» (1972), «Nosferatu – Phantom der Nacht» (1978) und «Fitzcarraldo» (1981). Immer ging es um Aussenseiter und Einzelgänger – Rollen, die ein besessen arbeitender Kinski mit höchster Intensität spielte.

Ein Grab erinnert nicht an Kinski. Wenige Monate nach seinem Tod wurde seine Asche im Pazifik vor der Golden Gate Bridge verstreut. Eine kleine Trauergemeinde, darunter Sohn Nikolai, erwies ihm die letzte Ehre.

Barbara Munker/DPA

kultur@luzernerzeitung.ch


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