Krimi

Total manipuliert

12. September 2016, 00:00

Einer der derzeit besten Schweizer Krimis kommt aus einer überraschenden Ecke: «Käfigland» der als Belletristikautorin weitgehend unbekannten Danielle Baumgartner beschreibt die Schweiz im Jahr 2021. Ein Industrieller der Gattung «Die Schweiz den Schweizern» hat eine Geheimorganisation aufgebaut, deren Methoden dem KGB ähneln.

Dieser Heinrich Tüllinger hat in allen Behörden und Organisationen gesinnungstreue Gefolgsleute postiert, die nicht nur spionieren, sondern Verwaltungsvorgänge manipulieren. So schönen sie offizielle Statistiken, damit die Regierung – kein Bundesrat mehr, sondern eine Rechtskoalition – gut dasteht.

Jeder ist erpressbar

Für die Überwachung von Entscheidungsträgern gibt es ebenso Geheimzellen wie für die Aufwiegelung der Bevölkerung. Eine umfangreiche Datenbank listet zudem «Verfehlungen» auf, von sexuellen Vorlieben bis zu Fahren im angetrunkenen Zustand – genug, um jede unliebsame Person zu erpressen.

Davon weiss die Protagonistin Patricia Niederbaum, SP-Parteipräsidentin, zu Beginn nichts. Ihre Aufgabe ist es, das erste Misstrauensvotum gegen eine Schweizer Regierung zu lancieren. Denn unter dem Ministerpräsidenten Sebastian Bracher ist innert drei Jahren fast alles durchgesetzt worden, was dem sozialen Gedanken widerspricht: Bei Ausschaffungen wird nicht lang gefackelt, Sozialleistungen sind minimiert.

Niederbaum wird systematisch diskreditiert. Unerwartet kommt ihr ein junger Mathematiker zu Hilfe, ein IT-Crack. Der Spiess kann umgedreht werden. Reicht es, um die Rechtskoalition zu entmachten? Der Countdown läuft ...

«Käfigland» liest sich, als hätte die Autorin nie etwas anderes gemacht, als Politthriller zu verfassen. Ihre Studien in Betriebswirtschaft und Staatswissenschaft bilden ein Fundament, das aber der Verständlichkeit nie im Wege steht. Die Figuren sind lebensecht, keine ist rein weiss oder rein schwarz. Und im Plot ergibt sich eins aus dem andern, kein Faden bleibt unvernäht. Das Buch ist geprägt von einer unverknorzten Leichtigkeit, die man in der Schweizer Literatur oft vermisst. •••••

Irene Widmer, sda

Danielle Baumgartner: Käfigland. Knapp Verlag, 345 Seiten, ca. Fr. 30.–.


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