«Uns ging es nie um Kommerz»

KUNST ⋅ Flurina und Gianni Paravicini machen Ausstellungen und Bücher, wenn andere den Feierabend vorm Fernseher verbringen. Jetzt ist ihr Kunstraum Galleria Periferia 30 Jahre alt geworden.

25. November 2016, 00:00

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Manches Erlebnis prägt sich in einem Leben so stark ein, dass es für alles Weitere bestimmend wird. Gianni Paravicini hatte in seinem Bündner Heimatdorf Pos­chiavo gleich zwei davon: Als Kind schaute er dem Künstler Rudolf Blaser in dessen Atelier stundenlang beim Malen zu, schnupperte an dessen Farbpalette und kam so unvermittelt und mit allen Sinnen zur Kunst. Eine Begegnung mit Folgen. 1986 begann Paravicini mit seiner Frau Flurina, Kunstausstellungen in einem liebevoll in Stand gesetzten alten Bauernhaus zu organisieren.

Als das Bündner Dorf 1987 von einem gewaltigen Hochwasser überspült wurde, konnten die Paravicinis die Werke des italienischen Künstlers Alberto Longoni gerade noch ins Trockene bringen. Das Erlebnis sensibilisierte Gianni Paravicini nachhaltig für die zerstörerische Kraft der Natur. «Heute sind Naturgefahren mein Job», sagt der studierte Forstingenieur, der sich beim Kanton Luzern um Schutz­bauten kümmert, während seine Frau an der Musikhochschule Luzern unterrichtet.

Diese biografischen Quer­bezüge mag man als Zufall werten – oder auch nicht. Genauso, wie man die Stimmigkeit der Jubiläumsausstellung dem Zufall oder der stilsicheren Hand eines Kurators überantworten kann.

Mit Urs Lüthi an der Biennale Venedig

Gianni Paravicini steht in seiner Ausstellung und staunt selbst über die Querbezüge zwischen den chronologisch gehängten Exponaten von Künstlern wie Dieter Roth, Urs Lüthi oder Roman Signer. Jedes Exponat steht repräsentativ für eine Ausstellung der letzten dreissig Jahre. Es sind Projekte, die Freundschaften zu Künstlern zementiert haben. Gianni und Flurina Paravicini haben sie in den in ihrer Extravaganz und Originalität einzigartigen Büchern gut dokumentiert.

2001 organisierte das Paar für Urs Lüthi an der Biennale Venedig dessen Ausstellung im Schweizer Pavillon. Gianni, der die Ereignisse mit der Kamera begleitet hat, blättert durch ein altes Fotobuch und schmunzelt über die «Fotoromanze» Venedig und den Aufwand, den man damals betrieben hat. Lüthi hatte sich für den Aufenthalt einen Palazzo am Canale Grande gewünscht, Giannis Frau Flurina liess nicht locker, bis sie einen fand.

Unvergesslich bleibt für beide die Arbeit mit Christoph Rüti­mann in Poschiavo. 1996 verlegte man in einer «wahnsinnigen Aktion» eine Leitung über Fluss und Kantonsstrasse bis zum Bahnhof, um sämtliche Bahnhofsdurch­sagen im Ausstellungsraum live zu übertragen.

Ein solches Engagement geht weit über die geschäftliche Verbindlichkeit eines kommerziellen Galerie- und Verlagshauses hinaus. Das ist nur möglich, weil beide Akteure bis heute ehrenamtlich neben ihrer Arbeitszeit in das Projekt investieren. «Es ging uns immer um die Künstler, nie um Kommerz», sagen beide. Nach dem Umzug aus der ländlichen Peripherie Graubünden nach Luzern wurden aus den Ausstellungsmachern auch Kunstbuchverleger. «Beim ersten Buch wussten wir nicht einmal, was eine ISBN-Nummer ist», erinnert sich Gianni Paravicini lachend. Zunächst arbeitete man in einer kleinen Wohnung an der Zähringerstrasse. Heute hat der Buchverlag und Ausstellungsraum an der Unterlachenstrasse einen Showroom sowie Räumlichkeiten, in denen Künstler auf Einladung auch residieren können.

Fünfzehn Bücher pro Jahr

Bis zu fünfzehn Buchprojekte schultert die Periferia jährlich. Der kleine Verlag kooperiert mit renommierten Kunstinstitutionen und gibt für die Kulturstiftung Pro Helvetia die Nachwuchs­künstlerreihe «Cahiers d’artistes» heraus.

Auf der Oberfläche mag die Periferia kein strenges Konzept besitzen. Wer die Jubiläumsausstellung besucht, die zeitgleich mit einer Installation von Markus Raetz eröffnet wurde, stellt jedoch fest, dass sich durch die 30-jährige Galerietätigkeit ein ästhetischer und sofort ersicht­licher roter Faden zieht.

In gewisser Weise reflektiert das Ausstellungsmobiliar die Arbeitsweise der Paravicinis mit, die im Dialog mit den Künstlern auch Impulse für ihre eigene Arbeit finden. In der Mitte des Raumes stehen Rücken an Rücken zwei Bücherregale mit allen 180 Büchern der Periferia sowie Ordnern, in denen man die Do­ku­men­tationen zu den Ausstellungen sichten kann. Das Arrangement erinnert nicht zufällig an ein Kunstprojekt des verstorbenen Künstlers Dieter Roth, über den die Periferia allein zwölf Bücher und Tonträger herausgege­ben hat. Hier wird uns ein Archiv präsentiert. Und ein Lebenswerk.

Hinweis

Periferia-Jubiläumsausstellung, Unterlachenstrasse 12, Luzern.

26.11./3.12./10.12./17.12., jeweils 12.00 bis 17.00 www.periferia.ch


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