Von vielen Menschen mitgestaltetes Schiff mit Botschaft

ZUG ⋅ Die Installation «Ship of Tolerance» von Ilya und Emilia Kabakov ist ein gewaltiges Projekt. Und es löst eine grosse Anteilnahme aus.

13. September 2016, 00:00

Zug ist seit dem Wochenende anders: Die Flaggen der Stadt sind durch bunte Segeltücher ersetzt worden, viele Gebäude mit quadratischen Malereien auf Stoff geschmückt, und als Herzstück steht am Quai gut sichtbar ein Holzschiff. Hinter dem Mammutprojekt «Ship of Tolerance» steckt unter anderem das Kunsthaus Zug. Dieses will die Öffentlichkeit einladen, sich mit dem Thema Toleranz und Respekt zu beschäftigen. Damit leistet das Kunsthaus einen Beitrag zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Das «Teilhabe-Projekt» des Konzeptkünstlerpaares Ilya und Emilia Kabakov soll Toleranz durch gemeinsames Tun mit anderen erfahrbar machen. Nur: Was ist ein «Teilhabe-Projekt»?

Schulklassen machten mit

Das «Ship of Tolerance» ist gut 5 Meter breit und 18 Meter lang. Die Konstruktionsarbeiten fanden in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit statt. Man konnte also, wenn man denn wollte, am Fortschritt des Baus visuell teilhaben. Man konnte aber auch mitmachen, so wie es die gut 120 Klassen öffentlicher und privater Schulen sowie andere Institutionen aus dem Kanton Zug im August gemacht haben. «Toleranz» wurde mit Stoff und Farbe visualisiert. Herausgekommen sind einzigartige, individuelle und eindrückliche Bildbotschaften.

Alleine das Hauptsegel des Schiffs wurde aus 120 Tüchern zusammengesetzt, rund 800 Bilder sind in der ganzen Stadt zu sehen. Sandra Winiger, Co-Kuratorin und Leiterin der Kunstvermittlung Zug: «Wir hätten nie gedacht, dass dieses Projekt auf derartige Publikumsresonanz stösst.»

Das «Ship of Tolerance»-Projekt wurde unter anderem bereits in Havanna, Venedig, New York und Miami durchgeführt – immer mit dem Ziel, dass sich die Öffentlichkeit aktiv mit dem Thema Toleranz auseinandersetzt. Im Grossraum Zug wohnen Menschen aus über 140 Nationen, man lebt friedlich zusammen, ergo müssen sich die verschiedenen Kulturen und Lebensentwürfe gegenseitig genügend Raum lassen.

Bikini neben Tschador

Es ist eindrücklich, was die zumeist jugendlichen Kreateure der Bilder beschäftigt: Auf einem Bild sieht man etwa eine Europäerin im Bikini, daneben eine Muslimin im Tschador. Darüber in grellem Rot ein Fragezeichen. Genauso wird auf den Bildern aber auch der Krieg in Syrien thematisiert. Und auf einem Segeltuch hat jemand ein Kind mit zwei Müttern und/oder zwei Vätern gemalt. Es sind genau solche Diskussionen, die Ilya und Emilia Kabakov mit dem «Ship of Tolerance» anregen: Die beiden möchten Menschen verschiedener Kontinente, Kulturen und Identitäten verbinden, indem sie diese in das Projekt einbeziehen.

Weltweit zu den Topkünstlern

Im gemeinsamen Tun werden der Respekt gegenüber fremden Kulturen und die Ideen sowie die Akzeptanz der Unterschiede vermittelt. Auf die Frage, ob das Schiff nicht doch letztlich ihr «Baby» sei, antwortet Emilia Kabakov bestimmt: «Nein, es ist vielmehr das Kunstwerk von allen, die daran teilgenommen haben.» Es ist selten, dass Künstler einfach so loslassen können. Es hat wohl auch damit zu tun, dass die Kabakovs von der Resonanz sehr beeindruckt waren.

Sicher hat dieses «Loslassenkönnen» aber auch damit zu tun, dass sich das Ehepaar schon lange mit Installationskunst auseinandersetzt – Ilya Kabakov seit 1984. Er avancierte schnell zur Leit- und Lichtfigur der russischen Kunstbewegung der 1980er-Jahre; sein Name wird in einem Atemzug mit dem Moskauer Konzeptualismus genannt. Laut der Zeitschrift «Art News» gehören die Kabakovs derzeit zu den zehn wichtigsten noch lebenden Künstlern.

Ilya Kabakov sagte einst: «Ein Künstler sollte sich als Brücke empfinden. Sich nicht nur für sein eigenes Leben und Handeln verantwortlich fühlen, sondern für die ganze Kultur.» Das ist ihm mit «Ship of Tolerance» gelungen.

Haymo Empl

Hinweis

shipoftolerance.kunsthauszug.ch


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