Vor 100 Jahren zündete die Dada-Bombe

JUBILÄUM ⋅ Ab heute wird gefeiert, und in Zürich werden Dada-Ausstellungen eröffnet. Aber: Was war eigentlich Dada? Eine Spurensuche.

05. Februar 2016, 00:00

Sind Sie schon dada? Zürich feiert 100 Jahre Dadaismus. Vor exakt einem Jahrhundert wurde die Kunstbewegung im Cabaret Voltaire in Zürich gegründet. Die unsinnige "Gaga-Kunst" begeistert auch heute noch. Passanten rezitieren das Dada-Gedicht "die Karawane" von Hugo Ball vor dem Cabaret Voltaire. (Keystone, 05.02.2016)

Das Landesmuseum Zürich ehrt die Dada-Bewegung zum 100. Geburtstag mit einer Ausstellung. "Dada Universal" zeigt, woher die Ideen der Dadaisten kamen und wie sie Kunst, Musik und Gesellschaft bis heute beinflussen. (Keystone, 3. Februar 2016)

Sabine Altorfer

Sie wollen Dada. Doch wo beginnen in diesem Zürcher Trubel (siehe Hinweis)? Wir empfehlen aktuell: erst ins Kunsthaus, dann ins Landesmuseum und am Schluss zum Cabaret Voltaire. Und dort in der Bar – wo am 5. Februar 1916 alles begann – auf die gloriose Vergangenheit trinken und den Sturm im Kopf hinunterspülen.

Wir machten die Tour, geleitet von der Frage: Was war das eigentlich? Und warum ist Dada so wichtig – bis heute?

Eigentlich war Dada zu Beginn nicht eine Kunstform fürs Museum, sondern war Protest: Protest gegen den Ersten Weltkrieg, gegen die Konventionen der Kunst mit dem Vortragen von seltsamen Lautgedichten, von Tänzen... Dieses Flüchtige ist vorbei. Überliefert sind die Texte, die Kunst der Dadaisten, auch wenn sie sich nach ihrem kurzen Zürcher Gastspiel in alle Welt zerstreut haben.

Dada historisch

Schon die Dadaisten selber wollten 1921 eine Übersicht schaffen – allen voran Tristan Tzara und Francis Picabia. Ihr Ziel war ein Buch: «Dadaglobe». Dafür sollten Dadaisten und Sympathisanten ihnen Originale extra fürs Buch schaffen und Porträtfotos schicken. Doch dann scheiterte das Projekt – und das Material zerstreute sich in alle Welt.

Zum Jubiläum hat das Kunsthaus Zürich zusammen mit der amerikanischen Spezialistin Adrian Sudhalter und dem MoMa in New York «Dadaglobe» rekonstruiert. Als Ausstellung (in einem einzigen, aber dicht gehängten Raum) und als Buch. Es ist eine Fundgrube und ein prima Einstieg in die Dada-Welt. Man sieht anhand der Originale und Originaldokumente, wie Erwin Blumenfeld, Hans Arp, Max Ernst und viele, viele andere, Zeitungen, Fotos und die literarische Sprache, ja eigentlich die Welt, zerschnipselten – und neu zusammensetzten. Wie sie im Chaos der (Nach-)Kriegszeit eine neue Sprache und neue Gleichgewichte suchten, und wie sie mit schwarzem Humor auf die Schrecken der Zeit reagierten.

Dada danach

Wie Dada weiterwirkte, ist Thema im Landesmuseum, in «Dada universal» der Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel. Schon ihr erster Satz zur Ausstellung sitzt! «Dada war eine Bombe, die 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich hochging.» Eine Bombe. Da ducken wir uns doch und erwarten ein Chaos. Doch: Alles ist schön geordnet, alles in Reih und Glied und angenehm ausgeleuchtet, so stellen wir uns die Welt nach einer Bombenexplosion nicht vor. Irgendwie scheint neben dem Anti-Prinzip Dada auch Zwinglis strenger Geist hier kräftig mitgewirkt zu haben.

Auf 18 Vitrinen-Stationen haben Zweifel/Steiner die Splitter der Bombenexplosion verteilt, frei nach dem Motto: «Die Detonation der weltumspannenden Antikunstbewegung ist bis heute zu spüren.» Von einem Vogelgerippe («Dodo war da, bevor Dada da war») über Krieg und Negermasken bis hin zu den 68ern und Punk. Garniert ist alles mit Kunst.

Eine Station als Beispiel: Der Erste Weltkrieg, das Schlachten in den Schützengräben, ist mit einer französischen Tarnpelerine symbolisiert. Denn es war ja der Erste Weltkrieg, auf den Cabaret-Voltaire-Mitbegründer Hugo Ball erst mit Freude, dann mit Flucht reagierte. Und die Pelerine könnte ihn zu seinem Bischofumhang inspiriert haben.

Dada funktionierte nach dem Prinzip Collage – und so funktioniert auch diese Ausstellung. Von Didaktik und pädagogischer Führung keine Spur. Die paar Zeilen Text am Boden um die Vitrinen erklären nicht wirklich – dafür viersprachig. Besser also, Sie lassen sich treiben, picken sich ein paar Sachen heraus, lesen die tollen Zitate an den Wänden und vielleicht kommen Sie dann zur einen oder anderen Erkenntnis. Zum Beispiel zu der, dass sich Dada nicht definieren lässt.

Als Trouvaillen entpuppen sich die Filme, die an den Wänden flimmern. In «Entr’acte» etwa, einem Gemeinschaftswerk von René Clair und Francis Picabia von 1924, sehen wir nicht nur Marcel Duchamp, Erik Satie und Man Ray als Darsteller. Wir tauchen auch ein in eine absurde Welt, die Kopf steht, sich ständig auflöst, die in einen wilden Wettlauf mit einem Leichenwagen eskaliert.

Dada heute

Doch wie wirkte Dada weiter? Wer das mit viel Enthusiasmus untersuchte war der wohl berühmteste Schweizer Kurator: Harald Szeemann. Er kombinierte mit Vorliebe Dada, Aussenseiter und Zeitgenössisches. Teile seines riesigen Archivs sind nun als «Obsession Dada» im Cabaret Voltaire zu sehen. Dazu erklären und beweisen aktuelle Künstler in Performances ihre Liebe zu Dada.

Dada digital

Wer im Internet nach Dada sucht findet viel, aber erst in spezialisierten Tools auch Vernünftiges. Das Kunsthaus Zürich stellt ab heute schrittweise seine Sammlung ins Netz. Wie Direktor Christoph Becker sagte, habe sein Vor-Vorgänger René Wehrli beim 50-Jahr-Jubiläum seinen damaligen Assistenten angehalten, eine Dada-Ausstellung zu organisieren. Der fand in der Sammlung aber nur ein einziges Werk. Das war der Anstoss, um tätig zu werden. Was Jubiläen bewirken können.

Hinweis

Dada ist derzeit in Zürich omnipräsent. Hier gibt es Ausstellungen zum Thema: Obsession Dada und täglich ein Offizium: Cabaret Voltaire. 5. 2.–15. 5.

Dadaglobe reconstructed: Kunsthaus. 5. 2.–1. 5.

Dada universal: Landesmuseum 5. 2.–28. 3.

Dada anders: Haus Konstruktiv. 25. 2.–8. 5.

Dada Afrika: Museum Rietberg. 18. 3.–17. 7.

Francis Picabia: Kunsthaus. 3. 6.–25. 9.

Festspiele Zürich: 3.–26.6.

Sind Sie schon dada? Zürich feiert 100 Jahre Dadaismus. Vor exakt einem Jahrhundert wurde die Kunstbewegung im Cabaret Voltaire in Zürich gegründet. Die unsinnige "Gaga-Kunst" begeistert auch heute noch. Passanten rezitieren das Dada-Gedicht "die Karawane" von Hugo Ball vor dem Cabaret Voltaire. (Keystone, 05.02.2016)

Das Landesmuseum Zürich ehrt die Dada-Bewegung zum 100. Geburtstag mit einer Ausstellung. "Dada Universal" zeigt, woher die Ideen der Dadaisten kamen und wie sie Kunst, Musik und Gesellschaft bis heute beinflussen. (Keystone, 3. Februar 2016)




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