Wehleidig zwischen Tod und Liebeswahn

BUCH ⋅ Der neue Roman Martin Walsers bietet über weite Strecken hochklassige Literatur. Aber an einigen Stellen fragt man sich: Meint der Autor das auf fast eitle Art ernst? Oder geht er auf ironische Distanz?

09. Januar 2016, 00:00

Arno Renggli

Theo Schadt, 72, ist am Ende. Durch den Verrat seines besten Freundes hat er seine erfolgreiche Firma verloren. Nun dümpelt er als Kassierer im Tangoladen seiner Frau vor sich hin. Materiell geht es ihm nicht schlecht, zumal er auch als Autor von Trivialliteratur schön Geld verdient hat. Aber mental setzen ihm der Verrat und der soziale Abstieg derart zu, dass er nicht mehr leben will.

So beginnt er, sich auf einer einschlägigen Internetseite mit anderen Lebensmüden auszutauschen, besonders mit einer Frau mit dem Pseudonym «Aster». Dieser schreibt er Zeilen wie: «Dass ich so verratbar war, zeigt mir: Ich habe in einem Fehlverhältnis zur Welt gelebt.»

Verfallen auf den ersten Blick

Da begegnet er im Laden seiner Frau einer Kundin, die ihn auf den ersten Blick fasziniert. Es gelingt ihm, mit ihr in Mailkontakt zu kommen, eine seelische Nähe zu erzeugen. Im Wahn, neue Liebe gefunden zu haben, zieht er von zu Hause aus. Doch die geheimnisvolle Schöne hat ein paar Überraschungen in petto. Unter anderem – und da verraten wir nicht zu viel, weil es im Klappentext des Buches offengelegt wird – hat sie ein Verhältnis ausgerechnet mit dem Mann, der Schadt verraten hat.

Die Handlung erfährt man nicht linear erzählt, sondern in Form von (teils unabgeschickten) Briefen, Mails, Chats und Berichten. Doch nicht nur die Form des Romans ist ungewöhnlich, sondern auch der Inhalt. Wir haben es hier über weite Strecken mit hochklassiger Literatur zu tun, sprachlich und gedanklich oft anspruchsvoll, manchmal hart an der Grenze zum Manieristischen. Ab und an wirken die Formulierungen bei aller Tiefe und Originalität etwas repetitiv und mitunter sogar konstruiert. Oder geht der Autor hier sogar das Wagnis von Selbstironie ein? Man wird beim Lesen nicht so ganz schlau.

Karikatur oder Selbstdarstellung?

Ein gutes Beispiel dafür ist Theo Schadts Ex-bester-Freund und nunmehr verräterischer Todfeind. Der ist nämlich ein Dichter von Versen, die bis zur totalen Unverständlichkeit hochgezüchtet sind. Und von sich selber überzeugt, ein einmaliges Genie zu sein.

Nun wird diese Figur durchaus mit karikierender Lust gezeichnet, und die Schilderung einer Lesung mit ihm hat fast Loriot-Qualität. Indes kommen über mehrere Seiten auch Gedichte von ihm. Man fragt sich: Will hier Walser zeigen, was für ein toller Lyriker er selber ist? Oder nimmt er seine narzisstische Figur auf die Schippe? Diese Passage kann einem jedenfalls überflüssig vorkommen.

Manipulative Larmoyanz

Doch alles andere ist interessant. Selbst wenn die Ambivalenz weitergeht, etwa gegenüber dem Protagonisten, dem leidgeprüften Theo Schadt. Was der seiner neuen Angebeteten an zauderndem Geschwurbel zumutet, so nach dem Motto «Ich möchte ja, aber ich weiss ja, dass ich ohnehin keine Chancen bei dir habe, und ich darf auch nicht, weil ich ja verheiratet bin und mir ohnehin das Leben nehmen will ...». Also wirklich! Die Wehleidigkeit und das Selbstmitleid dieses Mannes gehen einem mächtig auf den Geist. Dass die Frau dann ein Stück weit darauf abfährt, mag zunächst erstaunen, passt aber zu deren Psychogramm, das sich nach und nach enthüllt.

Zu fragwürdiger Höchstform läuft der Held aber ausgerechnet gegen die Frau auf, die er verlassen hat. Statt diese danach einfach in Ruhe zu lassen, deckt er sie weiterhin mit Komplimenten ein, versucht, die Beziehung auf einer intellektuellen wie seelischen Ebene aufrechtzuerhalten, und geht dabei höchst manipulativ vor. Im Stil des typischen Schwächlings, der die Eigenverantwortung scheut, will er von ihr auch noch eine Absolution für sein Handeln. Kein Wunder, dass die Ex durchdreht.

Alter, Tod, Verlust

Auch hier fragt man sich: Geht der Autor in solchen Stellen zu seiner Figur auf Distanz? Oder identifiziert er sich gar mit ihr? Für Ersteres spricht, dass er dem guten Schadt am Ende eine gesalzene Rechnung präsentiert. Für Letzteres, dass es Walser offensichtlich sehr ernst ist mit dem Themenkreis Alter, Tod, Verlust, Loslassen, Begrenztheit auch von Beziehungen. Im zweiten Teil des Buches gibt es einen Exkurs mit Aphorismen über das Alter von atemberaubender Schärfe. Eine Kostprobe? «Man muss jetzt so tun, als hätte man ganz andere Wünsche als ein 45-Jähriger.»

Apropos Exkurse, von denen das Buch einige hat, etwa zum Thema Tango: Eines der Highlights ist die sehr dichte Schilderung, wie sich Schadts Ange­betete nach Marokko aufmacht, um nach den Spuren ihres Vaters zu suchen, den sie nie gekannt hat. Es wird eine ebenso wirre wie schmerzvolle Odyssee und ein kleines Leseabenteuer.

Ständige Herausforderung

Ohnehin, das muss man sagen: Dieses Buch ist bei aller (oder gerade wegen der) Ambivalenz nie langweilig. Manchmal irritiert es, sicher fordert es einen ständig heraus, Stellung zu beziehen, oft genug auch ablehnend, noch öfter auch in der Spiegelung der eigenen Existenz. Und das auch mit beträchtlichem Unterhaltungswert. Was kann man von grosser Literatur denn mehr erwarten? Und um dies, allen Vorbehalten zum Trotz, handelt es sich hier.

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt, 287 Seiten, Fr. 28.90.


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