Wie man «Dirty Harry» kondensiert

AUSSTELLUNG ⋅ Mit «Cinema mon amour» zeigt das Aargauer Kunsthaus eine sehenswerte Ausstellung. Sie zeichnet die innige Beziehung zwischen Kino und Kunst auf. Ein grosses Vergnügen für jeden Filmfreund.

15. März 2017, 00:00

Andreas Stock

kultur@luzernerzeitung.ch

Sieben Minuten und elf Sekunden. So lange dauert der Auftritt von Sharon Stone im Erotikthriller «Basic Instinct». Dies, wenn man alle geschnittenen Szenen aneinanderfügt, in denen Sharon Stone etwas sagt. Bei Clint Eastwood in «Dirty Harry» sind es elf Minuten. «Soliloquy Trilogie» (Jack Nicholson in «The Whitches Of Eastwick» gehört noch dazu) nennt die Künstlerin Candice Breitz diese Kurzfilme, für die sie sämtliche Szenen der drei Hollywood-Stars isolierte.

Die Arbeit ist ein schönes Beispiel dafür, was diese Ausstellung zu bieten hat – Unterhaltsames aus dem Kino. Und wer sich tiefer auf die einzelnen Werke einlässt, wird mit filmtheoretischen, ästhetischen und technischen Aspekten des Filmemachens ebenso konfrontiert wie mit den Wirkungsmechanismen des Kinos.

Auf die «Soliloquy Trilogie» bezogen heisst das, dass einen auf den ersten Blick die verhältnismässig kurze Zeit überrascht, in denen drei zentrale Protagonisten der jeweiligen Streifen etwas zu sagen haben. Ein genauerer Blick auf die konzentrierten Zusammenschnitte entlarvt die Mechanismen des Schauspiels und der Inszenierung. Im Fall von Sharon Stone fällt beispielsweise der betont herausfordernde Blick in die Kamera sowie deren meist leichte Untersicht auf.

Die Ausstellung «Cinema mon amour», die das Aargauer Kunsthaus in Kooperation mit den Solothurner Filmtagen organisiert, wirft einen ebenso lustvollen wie anregenden Blick auf die vielfältige Weise, in der sich Kunst und Film gegenseitig befruchten. Die Künstlerbiografien «Paula» und «Egon Schiele – Tod und Mädchen» sind nur zwei aktuelle Beispiele. Die Schau in Aarau umfasst Arbeiten von 26 international bekannten Gegenwartskünstlern, die sich mit der komplexen Beziehung zwischen Kunst und Film beschäftigen.

Eine der spektakulärsten Arbeiten stammt von Stan Douglas. Der Kanadier hat den Spionageroman «The Secret Agent» von Joseph Conrad neu verfilmt. Der Thriller spielt ästhetisch und in seiner Inszenierung mit Elementen aus Hitchcock-Filmen und Film noir. Dennoch ist die in Lissabon angesiedelte Story kein Kinofilm. Ein Kunstwerk und eine Arbeit für ein Museum ist dies, weil es nicht auf eine, sondern auf sechs Leinwände projiziert wird, je drei auf zwei sich gegenüberliegenden Wänden.

Diese Mehrfachprojektion nutzt Douglas, um die Erzählprinzipien des Films wortwörtlich auseinanderzunehmen. So gibt es statt Schnitt/Gegenschnitt bei einem Gespräch von zwei Personen zwei einander gegenüberliegende Projektionen. Den «Schnitt» von einem Protagonisten zum anderen vollzieht der Betrachter selber: Zwischen den beiden Leinwänden stehend, wendet er seinen Kopf von links nach rechts.

Dem Movie Mountain auf der Spur

Den Mythen des Western-Genres gehen Teresa Hubbard und Andreas Birchler nach. Sie intervie­wen Menschen, welche nahe einer unscheinbaren Hügelkette in der texanischen Wüste leben, die den Namen Movie Mountain trägt. Filmgeschichte und Geschichten über Filmarbeiten verbinden sich in dieser Doppelprojektion mit Erinnerungen und dem Alltag dieser Menschen.

In ein eigentliches Kino setzt man sich in der Installation von Janet Cardiff und George Bures Miller. Eine grosse Holzbox entpuppt sich als Mini-Kinosaal mit roten Plüschsesseln. Man nimmt Platz, setzt sich einen Kopfhörer auf, die Türen gehen zu, das Licht geht aus, auf einer kleinen Leinwand beginnt ein Schwarz-Weissfilm mit Szenen aus Thriller- und Experimentalfilmen.

Doch der eigentliche «Film» spielt sich über die Ohren ab. Via Kopfhörer wird man akustisch ins Kino versetzt. Leute, die nach Filmstart noch in den Saal kommen, sich hinsetzen, unterhalten, Popcorn essen – das ist so verblüffend realistisch gemacht, dass man sich instinktiv mehrmals umdreht. «Paradise Institute» heisst diese knapp fünfzehnminütige Arbeit, deren Pointe am Ende noch eine überraschende Brücke zwischen den Bildern auf der Leinwand und dem Hörfilm über Kopfhörer schlägt.

Kinder entlarven Phrasen der Stars

Ein Vergnügen ist eine weitere Arbeit von Candice Breitz. Ihre Videoinstallation «The Rehearsal» besteht aus sechs hochformatigen Monitoren, die aneinandergereiht sind. Die Szenerie entspricht einer Interviewsituation: ein Hotelzimmer, im Vordergrund ein Stuhl, auf dem ein Kind sitzt. Es erzählt voller Hingabe aus seinem Leben als Bollywood-Berühmtheit, über das Dasein als Schauspielerin respektive Schauspieler und das Verhältnis zu den Fans. Bei den drei Buben und drei Mädchen, die so altklug schwatzen, handelt es sich um indische Kinderschauspieler. Sie zitieren Sätze, die Breitz aus Interviews von Shah Rukh Khan zusammengestellt hat, dem bekanntesten Bollywood-Star. Seine Aussagen, von den Kindern sechsfach wiederholt, werden durch die Projektion mit ihrem cleveren Wechsel aus Unterbrüchen und Doppelungen augenzwinkernd als Phrasen und Stereotypen entlarvt. «The Rehearsal» wird so auch zum witzigen Blick auf den Starkult.

Hinweis

Bis 17. April, Aargauer Kunsthaus, www.aargauerkunsthaus.ch


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