«Wir wollen Geschichten erzählen»

POP ⋅ Drei Jahre nach ihrem riesigen Erfolg melden sich Lo & Leduc mit «Ingwer und Ewig» wieder zurück. Ein Gespräch über Erfolgsdruck, ernste Themen und das schlechte Gewissen.
14. März 2017, 00:00

Interview Michael Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch

Euer letztes Album war 88 Wochen in den Charts, die kommende Tour ist praktisch komplett ausverkauft, bevor jemand nur einen Ton gehört hat. Ganz ehrlich: Eigentlich könnt ihr ja nur scheitern mit eurem neuen Album.

Lo: Das hat was. Natürlich wird es enttäuschte Fans geben. Das kann man nach dem Erfolg von «Zucker fürs Volk» gar nicht verhindern. Wir sind aber auch nie mit dem Anspruch an das Album gegangen, es allen recht machen zu wollen. Und auch keineswegs mit jenem, dass wir noch einmal genau gleich klingen wollen wie auf «Zucker fürs Volk». Wobei was damals passiert ist, schlussendlich wohl mehr mit Glück als mit den eigentlichen Songs zu tun hatte. Den grössten Druck machten wir uns vor allem selber.

Einen Refrain wie «Jung verdammt» findet man auf «Ingwer und Ewig» nicht mehr. Habt ihr das bewusst vermieden?

Leduc: Nein. Es hat meiner Meinung auf «Ingwer und Ewig» auch Songs mit dem Potenzial, sich irgendwie zu verselbstständigen, wie das bei«Jung verdammt» passiert ist. Ich glaube, man kann weder bewusst einen Hit schreiben, noch kann man einen Hit bewusst vermeiden. Zumindest bei uns ist das so.

Der Opener «Karussell» ist für eure Verhältnisse ein ziemliches Brett. Hart, knallig, rap-lastig. Das wirkt wie ein Statement: Achtung, wir sind jetzt wieder da.

Lo: Super, wenn das so beim Hörer ankommt. Wir haben diesen Beat gehört, und dann war rasch klar, dass wir so das Album eröffnen wollen. Auch wenn er musikalisch eher auf eine falsche Fährte lockt.

Leduc: Ich glaube übrigens, dass das einer der Songs ist, der manche etwas irritieren wird. Es werden da auch Vokaleffekte verwendet, die man etwa vom modernen amerikanischen Rap kennt. Da werden manche sagen: «Früher waren sie besser.»

Lo: Lustigerweise vor allem jene, die uns erst seit «Zucker fürs Volk» kennen.

Insgesamt wirkt die Platte ernster als «Zucker fürs Volk». Drei Jahre älter, drei Jahre ernster?

Leduc: Um Himmels willen bitte nicht. Sonst werde ich dann einmal ein ganz ernster und zynischer alter Mann. Ich hoffe genau auf das Gegenteil.

Lo: Wenn sich etwas wirklich verändert hat seit dem letzten Album, ist es das Bewusstsein, dass wir mit unserer Musik sehr viele Menschen erreichen können. Entsprechend haben wir uns Gedanken gemacht, was wir denn mit unserer Musik vermitteln wollen. Wir schwingen auch weiterhin nicht grosse politische Reden, aber wir wollten Geschichten erzählen, die zum Nachdenken anregen.

Leduc: Sie können zum Nachdenken anregen, sie müssen aber nicht zwangsläufig. Es hat noch immer Passagen drauf, die vor allem aus Sprachwitz bestehen. Ich mag Songs, die allen etwas bieten. Jenen, die einfach Musik hören wollen, und auch jenen, die gerne etwas genauer hinhören.

Auf «Zucker fürs Volk» hatte es mit «Pluto» einen Song, den man politisch lesen konnte. Jetzt findet man deutlich mehr Haltung.

Leduc: «Pluto» ist der Song, der wohl am besten auch auf «Ingwer und Ewig» passen würde. Er war einen Tick dunkler, ernsthafter als das restliche Album.

Macht Musik mehr Spass, wenn sie finanziell rentiert?

Lo: Nein, das glaube ich nicht. Wir jedenfalls haben in letzter Zeit immer wieder Konzerte unter falschem Namen in kleinen Clubs gespielt. Das machte jeweils mindestens so viel Spass, wie auf den ganz grossen Bühnen zu stehen.

Leduc: Aber dass wir uns im Studio so lange Zeit nehmen konnten, ist natürlich ein Luxus. Für die Produktion konnten wir mit tollen und unglaublich talentierten Musikern zusammenarbeiten.

Lo: Und: Wir konnten sie angemessen bezahlen. Das ist ja sonst in der Musik selten der Fall.

Apropos angemessen bezahlen: Ihr kennt auch eure eigenen Gagen und sonstigen Einnahmen. Beschleicht einen da nicht manchmal ein schlechtes Gewissen gegenüber anderen Musikern?

Lo: Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Das ist mehr eine Dankbarkeit, dass wir Geld verdienen können mit dem, was wir machen. Aber ich habe manchmal so lustige Momente, in denen ich über mich selber lachen muss. Da stehe ich auf einer 200-Quadratmeter-Bühne vor 10000 Leuten zusammen mit 15 Profimusikern. Dann denke ich jeweils: «Ich kann ja eigentlich gar nichts.» Ich könnte knapp die Kabel ein­stecken. Trotzdem: Ich habe gerne Musik gemacht, als wir in kleinen Jugendzentren gespielt haben, und ich mache auch noch gerne Musik, wenn wir dann wieder in kleinen Jugendzentren spielen.

Wenn man mit euch spricht, hat man das Gefühl, ihr dämpft die Erwartungen an «Ingwer und Ewig» etwas.

Leduc: Wir werden nie mehr so viele Platten verkaufen wie bei «Zucker fürs Volk». Schon allein, weil einfach nicht mehr so viele Menschen noch Musik kaufen. Ich habe das Gefühl, dass wir weder auf die Bremse, noch aufs Gas stehen. Beim letzten Album haben wir gelernt, dass man diese Mechanismen gar nicht gross steuern kann. Wenn der Erfolg kommt, dann kommt er.


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