Wird der Held aus seinem Lügenspiel erlöst?

ROMAN ⋅ Der Held in Jostein Gaarders neuem Buch ist ein Sonderling mit einer seltsamen Leidenschaft: Er liebt Beerdigungen. Denn dort findet er endlich den ersehnten Familienanschluss.

20. März 2017, 00:00

Seit seinem Besteller «Sofies Welt» vor nunmehr 26 Jahren gilt der Norweger Jostein Gaarder als Spezialist für philosophische Fragen, die er leicht verständlich in Romanform aufbereitet. In seinen Büchern spielen meist Kinder eine Hauptrolle. Der neue Roman «Ein treuer Freund» ist jedoch anders: Protagonist ist ein schon in die Jahre gekommener Lehrer und Sprachforscher, und philosophische Fragen werden eher am Rande gestreift.

Gaarder legt hier vor allem eine psychologische Studie vor, das Porträt eines ebenso eigenwilligen wie liebenswerten Aus­senseiters, der auf höchst fantasievolle Weise seiner Einsamkeit zu entfliehen sucht. Schon immer war Jakop Einzelgänger. Abgesehen von einer flüchtigen und nicht sehr glücklich verlaufenen Ehe hat er stets allein gelebt.

Doch ganz stimmt das gar nicht. Es gibt immerhin einen Freund: Pelle. Doch mit Pelle hat es eine besondere Bewandtnis. Er ist eine Art Alter Ego, eine zweite geistreiche, fröhliche Stimme, die sich oft vorlaut und penetrant bemerkbar macht.

Obsession für Sprachwissenschaft

Jakops grosse Leidenschaft ist die Erforschung der indogermanischen Sprachen. Diese weit verästelte Sprachfamilie ersetzt ihm die real nicht vorhandene Verwandtschaft: «Ich habe keine lebenden Kinder oder Enkelkinder und keine lebenden Geschwister oder Eltern, aber ich habe lebende Wörter in meinem Mund, und ich kann deutlich sehen, dass es von Verwandten dieser Wörter von Island bis Sri Lanka überall im indogermanischen Sprachraum nur so wimmelt. (...) Hier haben meine Wörter ihre Grosseltern, Urgrosseltern und Ururgrosseltern, ihre Tanten und Onkel, ihre Cousins und Cousinen ersten, zweiten und dritten Grades.»

Entsprechend verliert sich Jakop immer wieder in ausschweifenden etymologischen Exkursen. Seine zweite grosse Leidenschaft ist der Besuch von Begräbnissen, auf die er sich einschleicht. Die Informationen hierzu entnimmt er öffentlichen Traueranzeigen und dem Internet. Am liebsten sind ihm grosse Trauerfamilien, als «Ersatz für mein fehlendes Familienleben». So bekommt er Zugang zur Sippe des verstorbenen Universitätsprofessors Erik Lundin, den er als Student nur flüchtig kannte, aber zu dem er sich jetzt eine tiefergehende Beziehung zusammenfantasiert.

Münchhausiade als Clou des Romans

Jakops kunstvoll beim Leichenschmaus gesponnene Lügengeschichten, wahre Münchhausiaden, sind der eigentliche Clou dieses Romans, der in Form eines grossen Geständnisses aufbereitet ist. Adressiert ist diese Beichte an Agnes, die Jakop bei einer Beerdigung kennen lernt und in die er sich verliebt. Sie durchschaut sein Lügenspiel schnell, ist davon aber keinesfalls abgestossen, sondern mehr und mehr fasziniert. Kann sie Jakop erlösen? Gaarders Roman ist eine grosse Versuchsanordnung zum Thema Einsamkeit. In einem Spiel mit Identitäten, Aufspaltung der Persönlichkeit und Erfindung von Fantasiewelten schafft es Jakop, seine Isolation zu überwinden.

Das Buch ist dabei wie ein Überraschungspaket, Schicht um Schicht wird die Wahrheit enthüllt und der Held kunstvoll entlarvt. Dabei bereitet es durchaus Vergnügen, sich von Jakops Märchen verführen zu lassen. Störend sind allenfalls die ausufernden akademischen Abschweifungen und die überladene Symbolik der Pelle-Figur.

Sibylle Peine (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Jostein Gaarder:

Ein treuer Freund.

Hanser, 270 Seiten, ca. Fr. 32.–.


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