Alberto Giacometti und Flora Mayo

13. Mai 2017, 00:00

Schweizer Pavillon Zwei attraktive junge Menschen, ein Liebespaar, die ganze Zukunft liegt noch vor ihnen. Alberto Giacometti wird ein berühmter Künstler, Flora Mayo verarmt in den USA sterben. Auf dem Schwarz-Weiss-Foto von 1927 ist sie die Künstlerin und er ihr Modell, dazwischen die Porträtbüste, die sie von ihm angefertigt hat. Sie hat diese wie alle anderen ihrer Kunstwerke zerstört, als sie Paris und die Kunstakademie verlassen und in die USA zurückkehren musste. Die Geldmittel für ihr Studium waren versiegt, ihre Familie bankrott.

Das Künstlerpaar Theresa Hubbard und Alexander Birchler haben Flora Mayos Geschichte für ihren Beitrag im Schweizer Pavillon an der Biennale von Venedig recherchiert und daraus den beeindruckenden Film «Flora» gedreht. Fiktive und dokumentarische Elemente verweben sich darin zu einem stimmigen Ganzen.

Ein prominenter Abwesender

Die diesjährigen künstlerischen Beiträge sind eine Auseinandersetzung mit der Absenz von Alberto Giacometti im Schweizer Pavillon. Obwohl er mehrmals eingeladen wurde und sein Bruder Bruno der Architekt des Pavillons ist. Vermutlich verweigerte sich der in Paris lebende Giacometti einer nationalen Vereinnahmung, weil er sich schon früh als internationaler Künstler verstand, wie Kurator Philipp Kaiser erläutert. Der Titel der Ausstellung «The Women Of Venise» bezieht sich auf eine Figurengruppe, die Giacometti 1956 im französischen Pavillon zeigte – gleichzeitig ein subtiler Hinweis darauf, dass bisher erst wenige Frauen im Schweizer Pavillon ausstellten.

Weniger zugänglich im Vergleich zu den Arbeiten von Hubbard/Birchler ist die zweite künstlerische Position. Sie stammt von der in Genf geborenen Amerikanerin Carol Bove, die sich mit ihren blauen Skulpturen auf Figurengruppen Giacomettis bezieht. Sie funktionieren als Platzhalter für die Werke des grossen Abwesenden, die dort nie zu sehen waren. Bove nimmt die in Giacomettis Figuren präsente Vertikalität und Körperlichkeit auf und übersetzt sie in eine neue skulpturale Sprache.

Der zweite Beitrag von Hubbard/Birchler ist ebenfalls dem abwesenden Giacometti gewidmet. In der Kunstgiesserei St.Gallen liessen die Künstler Flora Mayos Porträtbüste von Giacometti nachbilden. Auch Giacometti schuf 1926 eine Skulptur seiner Geliebten: «Tete de Femme (Flora Mayo)» war letztes Jahr in der grossen Giacometti-Ausstellung im Kunsthaus Zürich zu sehen. Hubbard/Birchler spürten für den Film David Mayo, Floras 81-jährigen Sohn auf, der darin eine tragende Rolle spielt. Am Ende fliegt er nach Zürich, wo er zum ersten Mal die Skulptur seiner Mutter sieht, von deren Existenz er bis anhin nichts wusste.

Christina Genova, Venedig

kultur@luzernerzeitung.ch

www.biennials.ch; Publikation erhältlich beim Verlag Scheidegger & Spiess.


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