Aus der Sicht des Schuldigen

ROMAN ⋅ Mit Trunksucht, Spielsucht und feiger Flucht zerstört Jack McNulty das Leben seiner Ehefrau. Der irische Autor Sebastian Barry lässt ihn selber schonungslos erzählen.
03. Juli 2017, 00:00

Thomas Borchert (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Beim Kurzurlaub vom Zweiten Weltkrieg erblickt Jack McNulty zu Hause als Erstes, wie seine Frau draussen im Schnee auf die von Geburt an ungeliebte Tochter Ursula einprügelt. Als er der schwer alkoholisierten Mutter für den Wiederholungsfall droht, sie eigenhändig umzubringen, klagt Mai ihn an: «Du hast mich bereits umgebracht, Jack.»

Was daran stimmt, lässt der irische Autor Sebastian Barry in «Gentleman auf Zeit» den Angeklagten selber erzählen: Wie er durch sein eigenes Trinken und seine Spielsucht die Existenzgrundlage der Familie zerstört hat, wie er mit seiner ständigen, feigen Flucht, unter anderem als Ire in Diensten der britischen Armee, seine Frau mit zwei Töchtern und der Totgeburt eines Sohnes allein gelassen hat. Aber eben auch, wie er die Tochter vor der eigenen Mutter in Sicherheit bringt und auch sonst immer alles wieder gutmachen will.

Die Hoffnung auf Läuterung

Seine Schuld an der Verwandlung der lebenslustigen, selbstbewussten und schönen Mai in ein Alkoholwrack liegt klar auf der Hand und wird nie geleugnet. Trotzdem schreibt Jack lange nach dem frühen Tod der unglücklichen Ehefrau in sein «Protokollbuch»: «Ein Mensch kann sterben und wieder leben.» Womit er wohl vor allem sich selbst meint und sein bis zum Ende nie erlahmendes Streben nach Läuterung.

«Gentleman auf Zeit» ist der dritte Roman des 1955 geborenen Barry mit einer Figur aus der eigenen Familiengeschichte im Zentrum. In «Die Zeitläufe des Eneas McNulty» (1999) erzählt er die Geschichte von Jacks Bruder, gefangen in den Mahlsteinen finster gewaltsamer Konflikte in Irland rund um den Ersten Weltkrieg. In «Ein verborgenes Leben» (2009) lässt er Schwägerin Roseanne nach mehr als 50 Jahren in einer Psychiatrie das eigene Leben voller fürchterlicher Familienkatastrophen niederschreiben und am Ende genau die Erlösung erleben, nach der Jack McNulty sich so sehnt.

Aber in «Gentleman auf Zeit» bekommt nicht das Opfer das Wort, sondern der Hauptschuldige am Scheitern eines anderen. Jack ist ein intelligenter, charmanter Trinker, ein einsichtsvoller, reumütiger Versager mit scharfer Beobachtungsgabe, der die Konsequenzen immer viel zu lange aufschiebt. Zur Feder greift er beispielsweise erst 1957, Jahre nach Mais Tod – im ostafrikanischen Accra, wohin es ihn mal wieder bei einer seiner vielen Fluchten getrieben hat.

Sebastian Barry schlägt in seinem neunten Roman völlig unbeschwert den Bogen zwischen den Schauplätzen Ghana und Irland, aber auch über dreieinhalb Jahrzehnte. Er geht zurück zur ersten Begegnung zwischen der Schönheit Mai Kirwan aus der gehobenen Mittelklasse und dem sozial deutlich «rangniederen» Jack.

Opfer wie Täter haben Chance auf Neuanfang

Barry erzählt spannend, ohne Längen und packt auch Katastrophen ohne Beschönigung in seine poetisch weiche Sprache. Er wird nie müde, Opfern wie Tätern die Chance auf einen Neuanfang zu geben. Jack McNulty ist immerhin ein «Gentleman auf Zeit», wenn er die Tochter vor der prügelnden Mutter rettet.

Dass manches, so etwa die ständige Heraushebung von Ehefrau Mais grenzenloser jugendlicher Schönheit als Kontrast zu ihrem nicht minder grenzen­losen Verfall durch Gin und Kümmernis, die Grenze zum Klischee streift, scheint auch den Autor selbst zu beschäftigen. «Man wird ein bisschen Gefangener eines bestimmten Stils», sagte Barry im «Guardian»-Interview, als jetzt sein zehnter Roman «Days Without End» im englischsprachigen Original erschienen ist.

Sebastian Barry: Gentleman auf Zeit. Steidl, 288 Seiten, ca. 36.–.


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