Der Mädchenton wird zur Stichflamme

FESTIVAL ⋅ Ein Hauch von Met und Wiener Staatsoper in der Pfarrkirche Andermatt: Das Festival Swiss Alps Classics löste die durch Starbesetzungen geschürten Erwartungen auch am zweiten Abend ein.
29. Juni 2017, 00:00

Während man mit dem Auto von Luzern hochfährt nach Andermatt, fragt man sich, wer den einstündigen Weg auf sich nimmt, um hier ein Konzert des neuen Festivals Swiss Alps Classics zu besuchen. Mit der Sopranistin Olga Peretyatko stand zwar am Dienstag wiederum ein Weltstar auf dem Programm. Das bedeutet aber, dass man sie regelmässig an Opernhäusern von der Met in New York bis zur Staatsoper Wien hören und sehen kann.

Dass das Publikum am Andermatter Festival tatsächlich so weltläufig ist wie die Musiker, die hier auftreten, bestätigt der erste Eindruck vor der Pfarrkirche St.Peter und Paul. Da fährt, wie man es von James-Bond-Filmen kennt, ein Mann in Livree den Wagen weg, mit dem ein Paar vorgefahren ist. Vom mondänen Glanz inmitten der Alpenwelt hebt man sich als Musikkritiker rasch einmal ab: durch den «Intellektuellen-Blick», meint die nette Dame, die mich auf die Besprechung des Eröffnungskonzerts in unserer Zeitung anspricht (Aus­gabe von Montag). Angereist ist sie aus Zürich auch wegen des Pianisten Semjon Skigin, den sie als Veranstalterin einer Kammerkonzert-Reihe in Dubai engagiert hat.

Mondän und familiär: «Eine coole Mischung»

Auch die grosse Welt erweist sich in Andermatt eben als klein. Und die Begegnungen vor der Kirche oder nach dem Konzert im Hotel Chedi zeigen, dass mondäne und familiäre Ambiance sich nicht ausschliessen. Für Sandra Reichel, die Tochter und rechte Hand des Festivalinitianten Peter-Michael Reichel, gehört das mit zum Konzept. Woher das Publikum mehrheitlich kommt, kann sie selber noch nicht sagen: aus Samih Sawiris Andermatter Resort, das im Bau befindlich ist? Aus dem Dorf? Aus Hotelgästen aus aller Welt? «Gerade diese coole Mischung» macht für sie ­einen Reiz des Festivals aus.

Aber der Hauptreiz bleiben die auftretenden Künstler, auch an diesem zweiten Abend des Festivals. Das Programm des Lied-Rezitals umfasst zwar Publikums-Lieblingsstücke von Mozart über Strauss bis Rachmaninow, aber auch Arien von Bach – also Werke, die stilistisch weder zusammen noch in den halligen Kirchenraum hineinpassen. Letzteres galt vor allem für die Klavierbegleitung, die es in den ­Verzierungen bei Bach wie mit der Klangfülle der romantischen Werke mit der Akustik schwer hatte.

Aber Stilfragen werden nebensächlich, wenn Olga Peretyatko zu singen beginnt. Sicher, sie kostete die Bach-Arien emotional fliessend oder keck zu­gespitzt wie romantische Charakterstücke aus. Aber schon da zeigte sich der Luxus einer geschmeidigen Glanzstimme, die bei aller umarmenden Fülle immer leicht und fokussiert bleibt. Kam hinzu, dass das Programm als weiträumige Steigerung angelegt war, bei der die russische Sängerin erst allmählich aus dem Vollen schöpfte.

Epochale Kussszene als Wendepunkt

Zum ersten Höhepunkt wurden Lieder von Clara Schumann, wo Peretyatko dem «Sturm und Regen» rastlose Theaterdramatik beimischte. Und wie einen Umschlagpunkt erlebte man nach der Pause Schuberts «Gretchen am Spinnrad». Da zeigte auch Skigin seine Qualität als Begleiter: In der Spinnrad-Endlosschlaufe setzte er die Akzente so, dass man bei jeder Umdrehung den Doppelschlag von Holz gegen Holz hörte, bevor er zum Höhepunkt hin die Drehbewegung schwerelos abheben liess. Und Peretyatko steigerte hier, im epochal vertonten «Und ach! Sein Kuss!» den Mädchenton erstmals zu einer durchdringenden Stichflamme, die die Kirche im Moment des Herzstillstands flutete.

Von da an war kein Halten mehr. Skigin liess in den spätromantischen Werken die aufgewühlten Klavierwellen mächtig durch den Kirchenraum pulsieren. Und Peretyatko schaffte das Kunststück, eindringliche Me­ditation (Verdis «Perduta ho la pace»), Gefühlsüberschwang (Strauss’ «Zueignung») und russische Seelenklage (Rachmaninows «Oh, singe nicht für mich») zur grossen Oper zu verbinden. Keine Frage, dafür hat sich der einstündige Aufstieg gelohnt.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Konzerte: Fr, 30. Juni, Kristallsaal Sasso San Gottardo (mit Isabel Karajan), Samstag, 1. Juli, 19.00 (Rising Stars). www.andermatt-classics.ch


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