Der Zweck des Spiels ist das Spiel selber

NEUBAD LUZERN ⋅ Das Ensemble Montaigne mit Leiter Andreas Brenner brachte eine Uraufführung zu Gehör: Das «Doppelquintett» des Zentralschweizer Komponisten Michel Roth basiert auf Spieltheorien. Entsprechend hoch waren Spassfaktor und Spannung.
19. Juni 2017, 00:00

Zum Auftakt ein Klassiker: Igor Strawinskys «Septet 1953» war das älteste Stück des Abends. Geschickt kombiniert er die Aura des Neoklassisch-Archaischen mit seriellen Techniken. Der zweite Satz, eine abgründige Passacaglia, gelang dem Ensemble Montaigne bis ins Detail ausgehört. Der dritte Satz, eine grotesk schillernde Gigue, wirkte wie ein Appetizer zum Spass, der noch folgen würde.

In «Triple Duo» von 1982 verarbeitet Elliot Carter ein dreifaches Duett. Das Bläserduo, das Streicherduo und das dritte Pärchen aus Klavier und Perkussion bewegen sich bevorzugt auf verschiedenen rhythmischen Ebenen – was das Klangbild des zwanzigminütigen Stücks dicht, bunt und energiegeladen macht. Andreas Brenners straffes Dirigat garantierte Präzision, und so gelang die Interpretation, mitreissend und elektrisierend.

Zwar sind nur sechs Spieler beteiligt, sie bedienen sich aber grosszügig ihrer Variantinstrumente: Die Flötistin spielt auch Piccolo, der Klarinettist hat gleich drei Instrumente dabei, und der Perkussionsapparat ist äusserst umfangreich. Gewisse Marimba-Passagen kamen fast jazzig daher, und am Schluss liess einen Carter schmunzeln: Der vermeintlich finale Trommelwirbel wurde kommentiert von einigen flüchtigen Tönen – mit denen das Stück gleichsam verging.

Dieses Augenzwinkern fand sich auch in Roths «Doppelquintett». Erfreulicherweise, möchte man sagen, denn ironische Brechungen sind eher selten anzutreffen in der Neuen Musik mit grossem «N». Hoffentlich, sollte man sagen, denn das Stück basiert auf Spieltheorien, mit denen sich Roth als Musikforscher intensiv befasst.

Zwei Quintette – zahllose Spiele

Für «Doppelquintett» sitzen die zweimal fünf Musiker in einer Reihe: links das klassische Bläserquintett, rechts das klassische Streichquintett. In seiner gelungenen Einführung erklärte Roth, dass das Stück fünfzig Minuten lang wurde und somit den Rahmen dieses Konzert gesprengt hätte. Bedauerlicherweise gelangten also nur dreissig Minuten des Stücks zur Uraufführung.

Die anfänglichen repetitiven Patterns wurden schnell abgelöst – vom ersten Spiel! Rein rechnerisch sind mit zehn Spielern 252 Quintett-Konfigurationen möglich; sie werden im Verlauf des Stücks alle aktiviert. Neben dieser auskomponierten Ebene werden die Musiker von der Partitur immer wieder zu aufgefordert, zu spielen. So wird beispielsweise ein Tonvorrat gegeben, mit dem die Spieler improvisieren sollen.

Roth appelliert an die Entscheidungsfreudigkeit jedes einzelnen Spielers sowie an die des Dirigenten (oder Spielleiters) – auch das eine Seltenheit. Es war eine helle Freude, den zehn aufgereihten Musikern dabei zuzusehen: Keine Handlung blieb ohne Folgen, jede Äusserung beeinflusste den Verlauf des Stücks.

Die Musiker agierten als individuelle Persönlichkeiten. Immer wieder überraschten klangliche Mischungen oder witzige Multiphonics. Die Instrumente loteten ihre musikalischen Ränder aus – besonders ohrenfällig beim Horn, das zwischen tiefsten Pedaltönen und höchsten Obertönen förmlich hin- und herhüpfte. «Doppelquintett» ist ein anspruchsvolles Werk mit bestechender Dramaturgie, das dennoch nicht einer erfrischenden Leichtigkeit entbehrt. Man darf sich auf die Uraufführung des ganzen Stücks freuen!

Fast ein halbes Jahrhundert her

Abgerundet wurde das Konzert durch einen weiteren Klassiker: Mit «Concordanza» fand die ­russische Komponistin Sofia Gubaidulina 1971 nach eigener Aussage ihren Personalstil. Die Musik wird zur Metapher für das Leben: Dem Staccato-Alltag stellt Gubaidulina eine mystische Legato-Spiritualität gegenüber.

Diese Schichten waren beim Ensemble Montaigne hör- und fühlbar, das Klangbild transparent. Überraschenderweise wirkte das Stück nach Carter und Roth ... alt. Dank dieser klugen Programmierung wurde plötzlich klar: Die Siebzigerjahre, diese sind fast ein halbes Jahrhundert her!

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch


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