Die neue Ausführlichkeit der Literatur

LITERATUR ⋅ Die in unsere Buchhandlungen gelangenden Romane werden in letzter Zeit immer dicker. Dies zeigen auch aktuelle Neu­erscheinungen. Doch warum eigentlich? Einer der Gründe liegt bei der neuen Generation von TV-Serien.
01. Juli 2017, 00:00

Peter Henning

kultur@luzernerzeitung.ch

«Keine Frage, die Bücher werden dicker! Da ist ein Trend auszumachen», sagt Klaus Bittner, der seit über dreissig Jahren eine der führenden literarischen Buchhandlungen Deutschlands in der Kölner City betreibt – und 2007 als Mitglied der Jury des «Deutschen Buchpreises» Julia Franks Roman «Die Mittagsfrau» (604 Seiten) mit zum Siegertitel kürte.

Doch woran liegt das? An einer plötzlich stärker entfesselten Schreiblust der Autoren? An veränderten Schreibgewohnheiten? An einer in Mode gekommenen «Tolstoiisierung» der Literatur – stiess der grosse Russe doch schon 1867 mit «Krieg und Frieden» und 1877 mit «Anna Karenina» sehr erfolgreich panoramatisch angelegte, gesellschaftsrelevante Riesenromane hervor?

Grosse Erzählungen in Form von TV- und Netzserien

Tatsächlich finden sich aktuell signifikant mehr Roman-Schwergewichte als früher auf den Buchladentischen: Marlon James mit «Eine kurze Geschichte von sieben Morden»: 858 Seiten. Tore Brembeck «Wir sehen uns morgen»: 730 Seiten. Chris Kraus mit «Das kalte Blut»: 1187 Seiten. Dies sind nur drei Beispiele aus den aktuell angebotenen Frühjahrstiteln. Die Liste liesse sich spielend erweitern, etwa um den 1400-seitigen Roman «4 3 2 1» von Paul Auster.

Dazu Stephan Kleiner, der als freier Lektor und Übersetzer in München lebt – und zuletzt Hanya Yanagiharas knapp 1000-seitigen und sehr erfolgreichen Riesenroman «Ein wenig Leben» in fünfmonatiger Kleinarbeit ins Deutsche übertrug: «Nachdem das Fernsehen die Literatur als Leitmedium abgelöst hat und dann selbst mehr oder weniger zugrunde ging, ist die grosse Erzählung in Gestalt der heute überwiegend gestreamten Serien übrig geblieben. An ihr orientieren sich inzwischen viele Schriftsteller.» Schreiben sie also im TV-Serien-Format, episch und breit? Das Buch als gedruckter Fernsehen-Ersatz? «Es ist zudem erkennbar, dass grosse Romanwerke immer häufiger in Teilen erscheinen, zum Beispiel Elena Ferrantes Romane!», sagt Bittner. «Die Roman-Serie liegt neuerdings voll im Trend. Der Krimi macht es ja seit langem vor.»

Rangelten früher Autoren von mehr oder weniger 250 Seiten langen Romanen oft vergeblich um die Gunst der Leser, so scheint ein neues panoramatisches Erzählen auf der Agenda der Autoren zu stehen, um der immer komplexer, immer schwerer fassbaren Wirklichkeit literarisch beizukommen. «Tatsächlich profitiert der zeitgenössische Roman von den Erzählformen des Serienfernsehens», sagt Kleiner, «indem er sich wieder grössere Erzählbögen zutraut und unterwegs auch Cliffhanger bietet. Will die Literatur überleben und relevant bleiben, muss sie mit dem Zeitgeist gehen und aktuellen Rezeptionsgewohnheiten Rechnung tragen.» Tatsächlich scheinen sich immer mehr Schriftsteller an den Erzähltechniken und -formen des Serienfernsehens zu orientieren.

Figurenzeichnung viel stärker im Fokus

«Die Figurenzeichnung ist viel stärker in den Fokus geraten», sagt Kleiner aus der Sicht des Lektors. «Den Reiz der modernen Serien wie ‹The Sopranos›, ‹Games of Thrones› oder ‹Breaking Bad› macht es ja aus, dass wir viel Lebenszeit mit den Charakteren verbringen. Weshalb uns das, was ihnen geschieht, auch so affiziert und uns beispielsweise das Sterben einer zentralen Figur so sehr ins Mark trifft.»

Das Zauberwort lautet für immer mehr Autoren «Immersion», die Auflösung bestehender, alter Grenzen im Erzählen zu Gunsten eines epischeren Eintauchens in die selbst erschaffene Erzählwelt. Dabei bedienen sie sich immer offensiver der Filmsprache und bei Elementen des filmischen Erzählens. Begriffe wie «Totale», «Cliffhanger», «filmisches Auge» oder «Close-up» gehören inzwischen zur Grundausstattung modernen literarischen Erzählens.

Das Resultat ist Literatur, in welcher der Leser alles so sieht, wie der Kinobesucher es tut, umzingelt ist von den Gestalten des Romans, wodurch er immer stärker in die Handlung verwickelt wird – und sich schliesslich als Teil davon erlebt. Die herkömmliche Geschlossenheit des Kunstwerks ist zerstört. «Der Leser will in fremde Welten eintauchen», sagte Stephan Kleiner, «und das möglichst lange.» Ein Stichwort lautet «Eskapismus». Und genau wie die TV-Serien bieten die immer umfangreicher werdenden Romane ihren Lesern die Chance dazu. Bei Serien nennt man das «Wegsuchten» ganzer Staffeln mit den notdürftigen Schlafpausen dazwischen «binging».

In den Rezensionen etwa des Romans «Ein wenig Leben» klang vielfach Ähnliches an. Es wurde von einem Sog berichtet, der einen den Tausend-Seiten-Roman wie im Rausch verschlingen lässt. «Binging» hält zunehmend in der Literatur Einzug.

Im Zeitalter des «Teilens» an den Figuren teilhaben

Der Leser dickerer Bücher hat die Chance, in Zeiten von Facebook und Instagram, wo das «Teilen» die Währung ist, um dabei sein zu können, länger und intensiver am Leben, Leiden und manchmal Scheitern der Romanfiguren teilzuhaben. So gelingt es Autoren wie Yanagihara, James, Kraus oder Auster stärker als früher, uns in die komplizierten inneren Seelenzusammenhänge ihrer Charaktere zu verstricken.

Man darf also gespannt sein, ob sich der Trend zum dicken Buch fortsetzen wird. Denn sicher ist – wie Stephan Kleiner feststellt –, dass «das verstärkte Aufkommen des Riesenromans, des echten Schmökers, auch eine Reaktion auf die immer schneller getaktete Reizüberflutung des digitalen Zeitalters ist. Der lange Atem gegen den gehechelten Seufzer, Ohrensessel statt Stroboskop!» Keine schlechte Wahl.


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