Die Unruhe vor dem Sturm

MUTTERTAGSKONZERT ⋅ Taugt zum Familienkonzert eher Beethovens «Pastorale» oder Tschaikowskys erstes Klavierkonzert? Die Entscheidung nahm dem Luzerner Sinfonieorchester gestern die Pianistin Beatrice Rana ab.
15. Mai 2017, 00:00

Was macht ein sinfonisches Muttertags- zum Familienkonzert? Das Luzerner Sinfonieorchester fand darauf in früheren Jahren originelle Antworten mit bunt gemischten, kommentierten Programmen. Demgegenüber blieb die diesjährige Ausgabe gestern um 11 Uhr im KKL-Konzertsaal ganz konventionell.

Da konnte man nur rätseln, welches der Werke dieses Konzert familientauglich machen sollte. Wohl kaum der etwas unmotiviert wirkende, kurze Auftakt mit Haydns Ouvertüre zur Oper «Il mondo della luna». Mit geschmeidigen Linien der Streicher, einer kühn darüber hinwegsegelnden Oboe, festlich auftrumpfenden Pauken und Trompeten sowie opernbühnenreif lauernden Pianissimi war das zwar eine ansprechende Visitenkarte für die offenbar gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem usbekischen Gastdirigenten Aziz Sho­khakimov. Aber mehr nicht.

Gewitter mit Beethoven und Tschaikowsky

Also doch Beethovens sechste Sinfonie? Dafür waren auf der ­Orgelempore gut zwei Dutzend Plätze für Kinder reserviert: Hier nahmen nach der Pause jene Platz, die sich während der ersten Konzerthälfte an der Musikwerkstatt beteiligten, die das Orchester zum Muttertag anbot.

Klar, Beethovens Sechste ist populär wegen der Naturschilderungen und eines Gewitters, das tatsächlich kindgerecht knallen könnte. In der Wiedergabe zeigten sich Ansätze, das spielend einzulösen. Charakteristisch dafür war – ein Höhepunkt – die mitunter improvisatorisch frei phrasierende Klarinette, die an Volksmusik und Naturlaute auf dem Lande erinnerte. Doch wie das Orchester die Ruhe nach dem lauten, aber kompakten Sturm mit schwelgerischem Wohlklang auskostete, ging über moderne Beethoven-Interpretationsstandards nicht hinaus.

Blieb für die Familientauglichkeit nur noch Peter Tschaikowskys erstes Klavierkonzert. Auch das hat zwar mit dem Muttertag nichts zu tun, aber es sorgte mit seiner enormen Popularität für einen bis zum letzten Platz ausverkauften Konzertsaal. Und es wartete mit einer Solistin auf, die die Erwartungen an dieses Schlachtross unter den Virtuosenkonzerten tatsächlich erfüllte. So trumpfte die Pianistin Beatrice Rana von Beginn weg technisch stupend mit machtvoll-­virtuosen Attacken auf – mit einem Klang allerdings, der jede Sauce vermied und dafür auch mal Härten in Kauf nahm.

So kam – vor der Pause – die Unruhe vor dem Beethoven-Sturm. Das das nicht bloss auf Effekt zielte, zeigte sich ausgeprägt in den Solo-Kadenzen, wo Rana – wie später in der Debussy-Zugabe – agogisch frei impressionistische Farben in den mächtigen Flügelklang hineinmischte. Aziz Shokhakimov und das Orchester schärften ihrerseits die Partitur mit kammermusikalischen Farben und Gesten. Bis hin zum packenden Finale blieb das der erwartete Höhepunkt, den man auch den Workshop-Kindern gegönnt hätte.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch


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