Ein Film wie ein Gemälde

KINO ⋅ Im Sterben sind wir alle gleich. Der Spanier Albert Serra inszeniert in «La mort de Louis XIV» die Chronik des Todes des berühmten Monarchen
15. Mai 2017, 00:00

«Je m’en vais, mais l’État demeurera toujours.» – «Ich gehe fort, aber der Staat wird für immer bleiben.»

Er steht für Prunk barocken Ausmasses, mit Versailles hat er sich ein Denkmal gesetzt. Frankreichs absolutistischer Monarch Louis XIV (1638–1715), der Sonnenkönig, stand im Zentrum der Macht, und die höfische Kultur huldigte ihm. Er war zugleich einer der ­fähigsten Herrscher Europas und verhalf Frankreich zu grosser Macht und kultureller Blüte. Die terri­toriale Erweiterung des Reiches erforderte zahlreiche Kriege. Das Volk, durch den Spanischen Erbfolgekrieg arg gebeutelt, hatte genug von seinem König.

Der alte Louis XIV, 72 Jahre auf dem Thron, bereute «das völlige Ausbluten der Völker meines Reichs durch die unermessliche Steuerlast». Auf dem Totenbett rät er seinem Urenkel Louis XV: «Mach Friede mit deinen Nachbarn, mein Sohn.» Es ist eine der schönsten Szenen im Spielfilm «La mort de Louis XIV», der Chronik seines Todes des katalanischen Regisseurs Albert Serra. Sie beginnt am 9. August – der ­König klagt nach der Rückkehr von der Jagd über Schmerzen in seinem linken Bein – und endet am 1. September 1715 mit dem Tod durch Wundbrand.

In «Historia de la meva mort» («Die Geschichte meines Todes»), wofür der Spanier in ­Locarno den Goldenen Leoparden gewann, verlieh er Giacomo Casanova ein menschliches Antlitz: «Ich zwinge den Zuschauer dazu, seine vorgefassten Meinungen gegenüber einer historischen Figur zu überdenken», sagt er zu seinem neuen Film.

Die Cinématheque Suisse hat den Verleih für den Film übernommen, der allein schon wegen Jean-Pierre Léaud in der Rolle des sterbenden Königs das Herz eines jeden Kinofreundes höher schlagen lässt. Der Truffaut-Schauspieler schlechthin nimmt im Kanon der französischen Darsteller in etwa den gleichen Rang ein wie Louis XIV in der Reihe der Monarchen.

Detailgetreuer, ­anekdotischer Stil

Spektakulär ist nicht die Geschichte, sondern die Inszenierung, die jeglicher künstlichen Dramatik entbehrt: Schauspiel, Ausstattung, Kostüme. Das Drehbuch basiert auf den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon und des Marquis de Dangeau (eingangs zitiert). Und in diesem detailgetreuen, anekdotischen Stil erzählt Serra, wie die Krankheit den Herrscher von Tag zu Tag mehr von seinen Alltagsgeschäften und vom Hofleben entfernt.

Serras Kino ist nicht zum schnellen Konsum geeignet. Es ist sperrig, beruht auf einem formalen Verständnis. Die Konsequenz sind Tableaus, die man sich wie ein Gemälde von Rembrandt an die Wand hängen könnte.

In der Geburt und im Tod sind eben alle Menschen gleich. So blieb dem König ein langer Todeskampf nicht erspart, gleichwohl wie sehr sich seine Entourage auch um ihn bemühte. Der Hof war denn tatsächlich auch in aufrichtiger Trauer. Das Volk hingegen trank, sang und lachte (Voltaire). Sein einbalsamiertes Herz befindet sich in der Krypta der ­Kathedrale von Saint-Denis.

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«La mort de Louis XIV»: So, 21.5. (11 Uhr), Do 25.5. (11 Uhr), So 28.5. (16 Uhr) im Stattkino, Luzern.


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