«Ein Vitamin-Boost für jedes Orchester»

ORCHESTER ⋅ Das Luzerner Sinfonieorchester profiliert sich stark mit russischer Musik, am Zaubersee-Festival sogar mit grosser Oper im KKL: Chefdirigent James Gaffigan über zwei grosse Lieben.
18. Mai 2017, 00:00

James Gaffigan, am «Zaubersee» dirigieren Sie Tschaikowskys Oper «Pique Dame» im KKL. Woher kommt Ihr ausgeprägtes Interesse für russische Musik?

Russische Komponisten waren Meister der orchestralen Palette, sie haben mit am besten orchestriert. Sie wussten, wie man ein Orchester in seiner maximalen Kapazität verwendet, das ist überwältigend. Das russische Orchesterrepertoire ist wie ein Vitamin-Boost für ein Orchester.

Erlaubt überhaupt die mittelgrosse Besetzung die Spezialisierung auf Interpretation russischer Musik?

Ich glaube, dass die russische Musik fälschlicherweise «überspielt» wurde. Diese riesigen Orchesterapparate sind nicht nötig. Ich suche im russischen Repertoire nach Klarheit und Transparenz. Man verpasst sonst diese funkelnd instrumentierten Momente. Zu denken, «grösser ist besser», ist ein Trugschluss.

Das LSO spielte im April in Bogotá an einem Festival für russische Musik und im Muttertagskonzert Tschaikowskys erstes Klavierkonzert. Waren diese russischen Konzerte eine Vorbereitung auf «Pique Dame»?

Ja, denn diese Oper ist ein orchestrales Meisterwerk. Alle kennen Tschaikowskys Klangsprache, aber die Oper ist vollkommen neues Repertoire. Zudem passt das «Pique Dame»-Orchester nicht in den Orchestergraben des Luzerner Theaters. Es ist für die Musiker ein Geschenk, weil sie eine Oper dieses Umfangs in diesem Theater nie spielen können.

Wie weit geht im Konzertsaal die szenische Einrichtung?

Sie wird Interaktionen beinhalten, damit die Sänger nicht nur herumstehen. Trotzdem ist das ein sehr purer Zugang, quasi eine Studie zu dieser meisterhaft komponierten Musik.

Sie erhalten viele Einladungen als Operndirigent an Häuser wie die Wiener Staatsoper, Glyndebourne oder die Met. Freuen Sie sich darauf, sich in Luzern als Operndirigent zu präsentieren?

Ich liebe es, Opern zu dirigieren. Aber wenn ich in Luzern bin, liegt meine Priorität auf der Arbeit mit meinem Orchester. Das neue Team des Luzerner Theaters respektiere ich sehr. Die Produktionen von «Rigoletto» und «Prometeo», die ich gesehen habe, zeugten von einem sehr hohen musikalisch-künstlerischen Niveau. Das freut mich – und auch, dass die Musiker im Orchester damit glücklich sind.

Die Handlung von «Pique Dame» mutet auf den ersten Blick grotesk an: Ein junger Mann, der sich wegen seiner Spielsucht gegen die grosse Liebe entscheidet, eine mysteriöse Gräfin ...

Tschaikowsky willigte erst nach der Bearbeitung von Puschkins Vorlage durch seinen Bruder ein, «Pique Dame» zu komponieren. Es blieben die Ideen von Magie, Zauberei, das Spiel mit Realitäten, der Glaube an Glück und natürlich Liebe. Das ist ja der Stoff, aus dem Opern sind. Und die Leute lesen Puschkin, Dostojewski oder Tschechow nicht ohne Grund. Für mich liegt der Grund darin, dass mein eigenes Leben ja nicht so spannend ist.

Ihr Leben ist langweilig, und deswegen sind diese Geschichten noch relevant?

(lacht) Ich glaube, ja. Wir vertiefen uns in diese Romane, weil wir ein bisschen vor der Realität flüchten wollen. Zunächst scheint «Pique Dame» zwar absurd. Aber als ich die Musik hörte, wurden alle diese Absurditäten und dieser Kitsch zu den bewegendsten Momenten. Aber wenn diese Musik keinen Text hätte, wäre sie abstrakter. Kommt der Text dazu, ist alles am rechten Fleck.

Das klingt, als wären Opern Ihre liebste musikalische Gattung?

Für mich kombiniert die Oper einfach alles. Ich wurde Dirigent, weil ich die Zusammenarbeit mit Menschen mag. Ich bin gerne Teil eines grösseren Prozesses. Und ich mag an Opern, dass die Leute nicht auf mich schauen. (lacht) Ich stehe im Orchestergraben, und dort geht es nur um die Musik. So eine pure musikalische Erfahrung wird auch unsere «Pique Dame» sein.

Interview: Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Tschaikowsky: «Pique Dame», Luzerner Sinfonieorchester, Chöre, internationale Solisten: Freitag, 26. Mai, 19.30, KKL, Konzertsaal. www.zaubersee.ch


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