Erstklassiges Soldatenleben

MUSIKWERK ⋅ Die Luzerner Konzertreihe für die klassische Moderne lebt vom Teamgeist: Im letzten Konzert vor der Sommerpause bewies das Stawinskys «Histoire du Soldat» ebenso wie ein Überraschungsgast am Flügel.
12. Juni 2017, 00:00

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Zum Einlass erklingt Klaviermusik von Erik Satie, der Strawinsky als «Befreier» bewundert haben soll. Und auch den eigentlichen Konzertauftakt bildete am Samstag im Maihof Klaviermusik: Benedek Horvárth interpretierte – rhythmisch präzis und mit virtuosem Humor – kurze Tänze von Strawinsky.

Dessen Tango- und Piano-Rag-Musik standen repräsentativ für Strawinskys Technik, bekannte musikalische Formen überraschend zu füllen. Und diese Art von bisweilen grotesken Verfremdungseffekten spielt auch im Klangbild der «Histoire du Soldat» eine Rolle, die an diesem Abend des Musikwerks Luzern im Zentrum stand – zumal auch da ein Tango erklingt.

Klein besetztes Antimärchen

Dass der künstlerische Leiter und Cellist Beni Santora in diesen vierhändigen Stücken quasi als Überraschungsgast am Flügel die Bässe spielte, demonstrierte nicht nur den Teamgeist beim Musikwerk. Es passte auch zur individuell reduzierten Besetzung der «Geschichte vom Soldaten».

In dieser geht der Soldat Joseph einen Pakt mit dem Teufel ein: Der Teufel will des Soldaten Geige, der Soldat bekommt dafür ein Buch, das Devisenkurse voraussagt. Und dieser Deal ruiniert Josephs Leben. Igor Strawinsky, der während des Ersten Weltkriegs im Schweizer Exil lebte, und der Waadtländer Dichter Charles-Ferdinand Ramuz konzipierten dieses Antimärchen als Werk für eine Wanderbühne – auch vor hundert Jahren war das Geld für Kultur knapp.

Entsprechend klein hält Strawinsky die Besetzung: Je zwei Streicher, Holz- und Blechbläser plus Perkussion müssen reichen. Dazu ein Sprecher, der die Rollen des Erzählers, des Teufels und des Soldaten übernimmt.

Die Interpretation durch Musiker des Musikwerks zeigte, dass man es hier nicht mit Kammermusik, sondern mit einem Miniorchester zu tun hat. Lisa Schatzmann, Konzertmeisterin des ­Luzerner Sinfonieorchesters, animierte das Ensemble zu satten Tuttipassagen, die Spieler kosteten alle möglichen Ensemblekonfigurationen aus. So entlockten sie der Partitur die schillernde Farbigkeit, in der sich Strawinskys Instrumentationskunst manifestiert.

Der Teufel fällt vom Stuhl

Jakob Leo Stark vom Schauspielensemble des Luzerner Theaters bewegte sich als Sprecher mit seinen Rollen durch den Bühnenraum. Zunehmend subjektivistisch deklamierte er den Text und liess ihn so ungemein modern erscheinen. Besonders die Intonation des Teufels gelang teuflisch gut, und jene Passagen, die der Sprecher mit dem Ensemble zu timen hat, zeugten von Starks Gespür für musikalische Phrasen.

In der «Histoire du Soldat» kann jeder Musiker brillieren. So spielte Philipp Hutter den Trompetensolopart des «Petit concert» mit Leichtigkeit und Witz, als der betrunkene Teufel vom Stuhl fällt. Da glaubt man für einen Moment, Soldat Joseph würde gegen den Teufel gewinnen, wenn er ihn beim Kartenspiel mit Alkohol überlistet, seine Geige zurückbekommt und eine kranke Prinzessin mit seinem Spiel heilt. Doch den Teufel wird man nicht so schnell los; die Geschichte endet abrupt und tragisch.

Weiter geht nach diesem erstklassigen Abend die Strawinsky-Saison des Musikwerks. Dieses geht nach dem Sommer in der Zusammenarbeit mit der Big Band der Musikhochschule (4. November) und dem Chor Molto Cantabile (16. Dezember, «Les noces») wiederum neue Wege, ganz im Sinn des «Befreiers» Strawinsky.


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