Fake Flakons und Massenhängung

ALTDORF ⋅ Ian Anüll lässt im Haus für Kunst Uri eigene Arbeiten mit seiner Sammlung in einen Dialog treten. Die dreistöckige Schau besticht durch die Kombination eigenständiger Arbeiten zu spannungsgeladenen Werkgruppen.
17. Juni 2017, 00:00

Jan Anülls Signatur befindet sich nicht auf der rechten unteren Ecke seiner bemalten Leinwände – auf Markennamen pfeift der in Sempach geborene Künstler sowieso. Sie liegt vielmehr im ironisch-kritischen Ton seiner Kunst.

Ebenso kritisch wie Markennamen steht der Künstler Verpackungen aller Art gegenüber: ­Anülls Kunst will nicht als ­Augenweide Museumsbesucher bezirzen. Vielmehr dient sie dem Künstler als Fundament zur Kritik am Konsumwahnsinn und Kommerz der kapitalistischen Warenwelt sowie am Kunstbetrieb selbst. Changierend zwischen Malerei, Fotografie, Performance, Video- und Objektkunst offenbart Anülls OEuvre, dass sich jedes Kunstmedium als Angelpunkt für Kritizismus eignet.

Tausendfach reproduzierte «Originale»

Im Durchgangsraum zum Foyer wird die Verpackung gleich selbst zum Sujet erhoben: Auf einem an der Wand befestigten weissen Sockel werden zwei Parfumschachteln der Edition 5 von Chanel präsentiert. Gemäss Saaltext handelt es sich bei einem der beiden Exponate um das Original, beim anderen um eine Kopie. Bei Anülls Arbeit mit dem Werktitel «o. T.» (2017) jedoch fragt man sich, ob überhaupt ein Unterschied besteht zwischen dem «Original» und der «Kopie», da in visueller Hinsicht keine Differenz auszumachen ist. Und überhaupt: Ist es nicht paradox, dass einem tausendfach reproduzierten Produkt das Attribut «Original» beigefügt wird?

Nebst solchen Fragen stellt Anüll mit Arbeiten wie «In situ: Bleecker-Street» auch jene nach der Autorschaft von Kunst. An einer Plakatwand einer U-Bahn-Station in New York stiess Anüll auf eine Papierzeichnung des Pop-Art-Künstlers Keith Haring. Anüll riss einen Teil des gezeichneten Strichmännchens von der Wand und fixierte diesen auf eine weisse Leinwand. Die zurückgebliebenen Fragmente der Zeichnung hielt er fotografisch fest. Die benachbarte Hängung von Fotografie und Leinwand im Museum ermöglicht die kognitive Zusammensetzung der entzweiten Zeichnung.

Prominente neben anonymer Kunst

Anüll ist auch ein leidenschaftlicher Sammler und hat anlässlich der Ausstellung einen Teil seiner Sammlung aus den Lagern geholt. Zu sehen sind Arbeiten von namhaften Künstlern wie Marcel Duchamp, Johannes Itten, Miroslav Tichý, Hans Schärer und André Thomkins. Anüll gibt jedoch der Kunst solcher Grössen keinen prominenten Platz im Museum und bringt übliche Hierarchien gehörig durcheinander. So scheut er – in der Rolle des Kurators – auch nicht davor zurück, die «Block paintings» (1994) des australischen Künstlers John Nixon neben der Streifenmalerei eines anonymen Malers aufzuhängen.

Eine Hommage an anonyme Kunst ist auch im oberen Stockwerk auf einer anthrazit bemalten Wand zu sehen. Im Stile der Petersburger Hängung zeigt Anüll Masken und Bilder anonymer Künstler, die er auf Flohmärkten oder Brockenhäusern gefunden hat. Die ungewöhnliche Präsentation lässt sich als Seitenhieb auf den professionellen Kunstbetrieb lesen, der ohne Namen und Aushängeschilder nicht auskommt.

Obwohl die Zahl der gezeigten Arbeiten und Künstler an der oberen Limite liegt, ist Anüll und Zürcher mit «Peinture en promo» eine facettenreiche Ausstellung gelungen, die brisante Fragen aufwirft – zur Kunstwelt wie auch zur Welt jenseits des Museums.

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Haus für Kunst Uri: Ian Anüll – Peinture en promo, bis 20. August. Infos: www.hausfuerkunsturi.ch


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