Ferien voller Arbeit

KRIMI ⋅ In seinem sechsten Fall ist Kommissar Dupin in den Strandferien. Eigentlich. Denn natürlich passiert bald ein Verbrechen. Das kommt dem Ermittler aber sehr entgegen.
30. Juni 2017, 00:00

Irgendwann passiert das in fast jeder Krimireihe: Der Kommissar macht tatsächlich mal Ferien. Auch Kommissar Dupin geht es da nicht anders. In seinem neusten Fall «Bretonisches Leuchten» ist der emsige Polizist mit seiner Freundin Claire im Küstenort Trégastel. Nach der Vorstellung von Claire bedeutet das: lange schlafen, anschliessend an den Strand liegen und etwas im Meer baden. Alles Dinge, die nicht gerade zu Dupins Lieblingsbeschäftigungen zählen.

Doch wie es der Krimi-Zufall so will, geschehen bald mehrere Merkwürdigkeiten: Eine Frau verschwindet, eine Tote wird in einem Steinbruch gefunden, und eine Politikerin wird durch einen Steinwurf schwer verletzt. Klar, dass der Kommissar auch in seinen Ferien und ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs die Ermittlungen aufnehmen will. Neben den unvermeidlichen Reibereien mit den örtlichen Autoritäten muss Dupin alles heimlich machen. Schliesslich hat er seiner Claire ja versprochen, dass er nicht arbeitet, sondern ausspannt.

Es wird gemauschelt und betrogen

Und so schleicht sich Dupin auf ausgiebige Spaziergänge, geht oft und lange einkaufen und macht sogar einen Termin beim Coiffeur. Bald hat er eine ganze Horde Helfer, die versuchen, ihn zu unterstützen. An Verdächtigen mangelt es nicht, und sowieso scheint auch in Trégastel fleissig gemauschelt und betrogen zu werden – selbst die Bretagne scheint da keine Ausnahme zum Rest der Welt zu bilden.

Ebenfalls keine Ausnahme ist «Bretonisches Leuchten» in Bezug auf das Beigemüse. Der Fall ist zwar spannender als bei mancher vorherigen Dupin-Folge, doch ohne Garnitur wäre er immer noch maximal guter Durchschnitt. Was den Reiz an den Krimis von Jean-Luc Bannalec (ein Pseudonym des deutschen Verlegers Jürg Bong) ausmacht, ist die ausschweifende Beschreibung der bretonischen Schönheiten und Eigenarten.

Da wandert Dupin auf «grandiosen» Wegen, isst «fantastisches» Essen und trinkt «vorzügliche» Cafés. Und während der Kommissar in seinen Ferien ermittelt, wähnt sich der Leser selber in den Ferien. Man glaubt, das salzige Meer in der Luft zu schmecken, und all die bretonischen Köstlichkeiten auf den Tellern riecht man auch.

Während der eigentliche Fall recht lange eher plätschernd vorangetrieben wird, lässt sich Bannalec viel Zeit und Raum, um die Landschaft und deren knorrige Bewohner ausführlich zu beschreiben. Erstaunlicherweise wird es nie zu viel – wie das in den fünf bisherigen Bannalec-Krimis bisweilen schon passiert ist. Es fügt sich bestens in die gesamte Geschichte ein, und gerade im permanenten Versteckspiel von Dupin liegen Witz und Charme.

Auch Claire kann nicht ganz abschalten

Dies gilt besonders, als sich herausstellt, dass Claire die Dupin’schen Abwesenheiten selber dazu nutzt, mit ihrem Arbeitgeber zu telefonieren. Komplett abzuschalten, scheint beim Paar offensichtlich generell ein Problem zu sein. Immerhin: Am Schluss sind die Ermittlungen abgeschlossen. Zuvor gibt es noch mehr Tote, und Spannung und Tempo ziehen merklich an. Dann kann man das Buch entspannt zuklappen. Dupins Ferien sind vorbei, unsere fangen hoffentlich erst gerade an.

Michael Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Jean-Luc Bannalec:

Breto­nisches Leuchten.

Kiwi, 320 ­Seiten, ca. Fr. 22.–.


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