Glamouröser Fehlstart

FILM ⋅ Das 70. Festival von Cannes begann mit Stars wie Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg. Sie sorgten für Spektakel auf dem roten Teppich, aber nicht auf der Leinwand.
18. Mai 2017, 00:00

Christian Jungen, Cannes

kultur@luzernerzeitung.ch

Filmfestivals sind eine Erfindung aus dem 20. Jahrhundert. Ihnen lag ursprünglich eine touristische Idee zu Grunde: Die glamourösen Festspiele sollten in der Nebensaison die Betten der Grand Hotels füllen. Deshalb finden die altehrwürdigen Festivals in Badeorten wie Venedig, Cannes, Locarno oder Karlovy Vary statt. Nun feiern sie Jubiläum: Venedig sein 75., Cannes und Locarno ihr 70. ­Jubiläen sind ein zweischneidiges Schwert. Mit Sonderbriefmarken, Banknoten und Büchern wird die glorreiche Geschichte gefeiert. Aber gehört ein 70-Jähriger nicht schon zum alten Eisen?

Cannes-Direktor Thierry Frémaux war sich der Gefahr bewusst und gelobte, mit seinem Programm in die Zukunft zu schauen. So öffnete er sein Festival für Serien, vorgeführt werden die zwei neusten Episoden von David Lynchs «Twin Peaks» sowie die zweite Staffel von Jane Campions «Top Of The Lake». Zudem zeigt Frémaux mit «Carne y Arena» von Alejandro Gonzalez Inarritu erstmals eine Virtual-Reality-Installation. Mutig ist das nicht. Die drei Werke stammen von Autorenfilmern, die an der Croisette schon Preise gewonnen haben. Aber seien wir fair: Zwei kleine Schritte vorwärts sind es schon.

Schon oft gesehene Geschichte

Mit dem Eröffnungsfilm «Les fantômes d’Ismaël» von Arnaud Desplechin hat er aber gleich wieder einen riesigen Schritt zurück gemacht. Dieses Drama, in dem Marion Cotillard zu einem Song von Bob Dylan tanzt, ist inhaltlich und ästhetisch so altmodisch, dass es auch der Eröffnungsfilm von 1968 hätte sein können. Des­plechin erzählt die schon oft gesehene Geschichte von einem Regisseur, in dessen Leben sich Fiktion und Realität überlagern.

Mathieu Amalric gibt den Titelhelden als unrasierten Bohemien mit Strubbelfrisur und Schlabberlook, der schon morgens Wein bechert. Vor 21 Jahren ist seine Frau Carlotta (Marion Cotillard) spurlos verschwunden. Inzwischen hat Ismael mit Sylvia (Charlotte Gainsbourg) eine neue Liebhaberin gefunden. Just als er mit ihr ein Kind erwartet, taucht seine vermisste Frau wieder auf. Es kommt, wie könnte es auch anders sein (es ist schliesslich ein französischer Film!), zu einer ­Ménage-a-trois.

Das ist aber erst die Hälfte des Films. Dann gibt es da noch die Geschichte um einen französischen Diplomaten (Louis Garrel), der im Ostblock zwischen die Fronten der Geheimdienste gerät. Irgendwann stellt sich heraus, dass dies die Geschichte des Films ist, den Regisseur Ismael gerade dreht.

Überladen und sprunghaft

Desplechin bekundet Mühe, die Erzählstränge zu verweben. Das in senffarbene Töne getauchte Drama ist blutleer, überladen und vor allem sprunghaft – so, als wären wichtige Szenen herausgeschnitten worden. Was tatsächlich geschehen ist. Die 114-minütige Version, die in Cannes gezeigt wurde, ist eine gekürzte Fassung. In Paris ist in einem Kino eine 20 Minuten längere Fassung zu sehen. Desplechin hat sie an der Pressekonferenz die «Originalversion» genannt, sie sei «intellektueller» als die «sentimentalere» Cannes-Version. Der Regisseur musste sein Werk wohl aus kommerziellen Gründen kürzen. Mit überlangen Filmen können die Kinos weniger Vorstellungen machen. Nun bezahlt Desplechin einen hohen Preis für diesen Murks. «Les fantômes d’Ismaël» wurde von den Kritikern kühl, schlimmer noch: gleichgültig aufgenommen. Es gab weder Applaus noch Pfiffe.

Warum hat ihn Cannes als Eröffnungsfilm ausgewählt? Wohl wegen des roten Teppichs. Die Montée des Marches, der Einzug in den Olymp des Kinos, wird in Frankreich jeweils zur Primetime live am Fernsehen übertragen. Da braucht man Stars, um nicht ins Quotenloch zu fallen.

Hollywood-Stars fehlen dieses Jahr

Während Jahrzehnten war Hollywood für den Eröffnungsfilm besorgt, lieferte Spektakel mit Werken wie «Moulin Rouge!» und «Up» oder wenigstens mit einem künstlerischen Flop wie «The Da Vinci Code», den man lustvoll auspfeifen konnte. Doch seit die Studios fast nur noch Fortsetzungen mit Monstern und Superhelden produzieren, die nun wirklich nicht in die Wiege des Autorenkinos passen, muss das Festival im heimischen Schaffen rekrutieren.

Gestern empfing das Festival mit Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg und Mathieu Amalric zwar Stars, die auf dem Teppich gute Figur machten. Leider war das Spektakel im Kino nicht halb so gut wie das vor dem Kino.

Hinweis

Mehr vom Festival gibt es im Blog «Cannes-Journal» unter www.nzzas.ch/notizen/Cannes2017.


Leserkommentare

Anzeige: