«Heute bin ich so glücklich wie noch nie»

MASTERKONZERT ⋅ Despina Corazza (24) kam nach Luzern, um sich an der Hochschule zur Sängerin ausbilden zu lassen. Sie hat hier aber auch eine eigentliche Persönlichkeitsbildung erfahren.
17. Mai 2017, 00:00

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Am Samstag ist ein grosser Tag für Despina Corazza: Tagsüber tritt sie zur Prüfung ihrer Masterausbildung an der Jazzabteilung der Hochschule Luzern – Musik an, am Abend stellt sie ihr eigenes Abschlussprojekt auf der Bühne der Jazzkantine vor. «Ich habe meine ganze Energie in das Konzert gesteckt. Das ist für mich, was zählt. Die Prüfung spielt für mich eine untergeordnete Rolle.»

Die Aussage widerspiegelt die ambivalente Haltung, die ­Corazza in den letzten Jahren gegenüber dem Schulsystem gewonnen hat. Sie denkt dabei nicht spezifisch an die Luzerner oder an irgendeine andere Ausbildungsstätte, sondern meint generell das System. «Man wird zugedeckt mit Erwartungen und Anforderungen, gleichzeitig wird von einem Kreativität verlangt. Das ist ein gewaltiger Spagat.»

So viel Zeit wie möglich freigeschaufelt

Das eigentliche Wissen, sagt Corazza, müssten sich die Studierenden letztlich selber holen. «Es hängt stark von deinem eigenen Tun ab, wie viel du an einer Schule profitierst.» Sie hat sich im Laufe ihrer Ausbildungsjahre zu einer Person entwickelt, die gerne selber bestimmt, was sie lernen will und was nicht. Sie schaufelte sich so viel Zeit als möglich frei, um die eigene Kreativität zu wecken.

Ein erhellender Einschnitt war das Bachelor-Konzert. Bei den Vorbereitungen dafür realisierte sie, dass sie auch von sich geben musste. «Ich war lange sehr schulkonform. Aber dann merkte ich, dass es nicht befriedigend ist, einfach fleissig zu sein und gute Noten zu haben. Es kommt auf mich drauf an. Auf das, was ich in mir freisetzen und weitergeben kann.»

Schon immer gesungen

Mit etwa 15 Jahren spürte Despina Corazza klar den Wunsch, dass sie etwas mit Musik machen wollte. Per Zufall wurde sie auf das Talentförderungsgymnasium in Bern aufmerksam, an dem sie neben der regulären Ausbildung auch ihre musikalischen Interessen entwickeln konnte. «Ich habe schon immer viel und gerne gesungen, auch oft für mich ganz allein.» Sie meldete sich an der Jazzschule Bern zum Vorsingen an und konnte dann dort neben dem Gymi verschiedene Kurse besuchen.

Das motivierte sie, nach der Matura die Jazzausbildung zu machen. «Ich habe lange nicht gewusst, was Jazz ist. Erst an der Schule ist mir diese Welt eröffnet worden.» Aufgewachsen im streng christlichen Umfeld einer Freikirche, hatte sie als Kind und Jugendliche viel Gospel gehört. «Dazu gehörte auch Whitney Houston, die ebenfalls Gospel gesungen hat. Ich habe sie vergöttert.»

An der Hochschule Luzern – Musik ist sie eher zufällig gelandet. Wie viele andere hatte sie sich an mehreren Schulen beworben, um die Chance, einen Studienplatz zu bekommen, zu erhöhen. Eigentlich wollte sie damals nach Basel. Weil es nicht klappte, blieben Zürich und Luzern übrig. «Da ich mich von dem Ort angezogen fühlte, habe ich mich für Luzern entschieden.»

Hier fand sie ein Umfeld, das ihr behagte. «Trotz der Grösse der Schule hat sie eine sehr familiäre Ausstrahlung. Alle kennen einander, man unterstützt sich.» Ja, das sei auch bei den Sängerinnen der Fall, lacht Corazza. «Es herrscht kein Zickenkrieg, wie ich etwas befürchtet hatte.»

Die ersten Jahre waren hart für sie. Sie hatte die Parallelwelt der Freikirche hinter sich gelassen und zog in eine Künstler-WG. Da waren auch die Unsicherheit und die Angst, nicht zu genügen. Überhaupt habe sie viel Energie für die eigene Entwicklung investiert. «Am Ende wird immer ein kreativer Output erwartet. Doch dieser muss von irgendwoher kommen.» So hat sie in diesen Jahren eine eigentliche Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht. Sie strahlt. «Heute bin ich so glücklich wie noch nie.»

Stimme und zwei Bässe

Richtig künstlerisch arbeiten könne sie erst seit zwei Jahren, sagt Corazza. «Ich musste zuerst lernen, auf meine eigenen Bedürfnisse und Ideen zu vertrauen. Da bin ich immer noch dran.» Ihr Abschlussprojekt «Lärchenharz» ist ein Trio mit zwei Bassisten.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Besetzung? Ganz einfach: Sie habe sich überlegt, mit wem sie zusammenarbeiten wollte, als Musiker und als Mensch. «Das waren dann halt Jonas Künzli am Kontrabass und Pascal Eugster am Elektrobass.»

Despina Corazza schreibt zu ihren Liedern eigene Texte und trägt sie auf Hochdeutsch vor. Texte sind für sie das «Herzstück», sagt sie. Auch in naher Zukunft möchte sie vor allem als Sängerin arbeiten. «Musik zu machen ist für mich, Geschichten zu erzählen. Das interessiert mich, und in diesen Weg investiere ich gerne.»


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