«Ich mag diese permanente Instabilität»

PORTRÄT ⋅ Ihr mit der Theatergruppe Ultra entwickeltes Stück «Wind» landete auf der Short List des Schweizer Theatertreffens. Nun zeigt die Luzernerin Nina Langensand am Südpol ein Solo über Mutterschaft. Fürs Luzerner Theater hat sie einen Audiowalk mitentwickelt.
12. Mai 2017, 00:00

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Man kann Nina Langensand (34) googlen wie alle Menschen mit öffentlichem Wirkungsradius. Aber dann wird man nur einen Bruchteil ihrer Persönlichkeit ­erfassen. Landen wird man beim Schweizer Spielfilm «Hard Stop» – und bei der Onlineausgabe des «Blicks».

Vor fünf Jahren hatte die Luzerner Schauspielerin das Interesse der Boulevardmedien für kurze Zeit auf sich gezogen. Wegen einiger filmischer Sexszenen.

Gekontert hat sie die Fragen des «Blick»-Journalisten, die ins Fleischliche zielten, ziemlich ­ungewöhnlich: «Die Liebes­geschichte ist mir zu heteronormativ», sagte sie. Da musste der «Blick» für seine Leser erst einmal bei Wikipedia nachschauen. «Eine Weltanschauung, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert.» Ein homosexueller Bekannter hat ihr später zu diesem Statement gratuliert.

Ungewohnte Konstellationen schaffen

Es gehört zu Langensands Qualitäten, aus solchen Grenzerfahrungen interessante Schlüsse für sich und ihre Arbeit zu ziehen. Wie sie überhaupt vieles, was ihr im Leben begegnet, in ihre Arbeit integriert.

So entstand auch die Zusammenarbeit mit dem Historiker Kurt Messmer, mit dem sie gerade einen Audiowalk für das Luzerner Theater erarbeitet (siehe Box). Aus der Auskunftsperson Kurt Messmer wurde plötzlich ein Co-Autor, aus dem Audiowalk ein gemeinsames Projekt.

Bereits das erste Stück der Luzerner Performancegruppe Ultra, zu deren Team Langensand gehört, ist auf so einem integra­tiven Weg entstanden. «Ultra» machte Langensands Bruder zum Thema. Der glühende Ambri-Piotta-Fan und Jurist, der gerade eine Doktorarbeit über Anarchismus schreibt, landete vor Jahren auf kuriose Weise auf der Hooligan-Liste. Langensand, die damals zum ersten Mal wahrnahm, dass ihr Bruder ein leidenschaftlicher Sportfan ist, nahm dies zum Anlass, ihren Bruder, dem sie sich sehr verbunden fühlt, zu befragen. Warum bist du mir so nah, und warum kenne ich dich trotzdem nicht?

Diese Familienbefragung setzten Langensand und Ultra fort mit der berührenden wie riskanten Arbeit «Panik». Ultra baute um Langensands demente Grossmutter einen theatralen Rahmen. Der Abend setzte sich einfühlsam mit dem Thema Demenz auseinander. Und die im letzten Jahr am Südpol uraufgeführte Produktion «Wind» erzählte auf visueller und auditiver Ebene von der transformativen Kraft des Windes. Die Performance ist dieses Jahr auf der Short List des Schweizer Theatertreffens. Ultra arbeiten bereits am nächsten Stück. «Wolken» soll es heissen. Und wieder inter­essiert die Gruppe, etwas zu erschaffen, was eigentlich nicht greifbar ist.

Alles ist mit allem verbunden

Hätte Nina Langensand die Wahl, würde sie wieder in den Schulalltag zurückkehren, wo der Gelderwerb Nebenerwerb, und der Hauptberuf das Lernen und Suchen ist. Damals hatte sie für sich drei Berufswünsche formuliert: Philo- und Kunstgeschichtsstudium, Kunsthochschule und eine Schauspielausbildung. Alle drei haben sich irgendwann erfüllt: Auf ein Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Uni Zürich folgte eine Schauspiel- und eine Kunstausbildung. Gehadert hat sie mit allen dreien. «Aber ich mag diese permanente Instabilität», sagt sie heute. Ein Deutschlehrer sagte einmal zu ihr: «Logik ist nicht Ihre Stärke. Machen Sie etwas mit Farben.» Vielleicht meinte er damit Lan­gensands Hang, statt analytisch zu trennen, alles mit allem verbunden zu sehen.

Für ihr Soloprojekt «Chi», das in zwei Wochen am Südpol Premiere hat, wird die in Genf und Luzern lebende Künstlerin sich mit dem symbiotischen Mutter-Kind-Verhältnis auseinandersetzen, das sich schon mit der ­Nabelschnurtrennung in der Auflösung befindet. Während und nach ihrer Schwangerschaft hatte Langensand oft Tagebuch geschrieben. Der Text an dieses Du, das heute 7 Monate alt ist, stellt Fragen nach Abgrenzung und der Angst vor Verantwortung und wird die Basis des neuen Stückes sein. Wird die Tochter auch auf der Bühne sein? Nur so viel: Ausgeschlossen ist es nicht.

Hinweis

Südpol, Kriens. Nina Langensand, «Chi». Musik von Guillaume Fernez. Bühne/Licht: Thomas Köppel. Premiere: 25.5., 20 Uhr. Wiederholung: 26.5.www.sudpol.ch


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