In musikalischen Grenzbereichen

KLANG MEGGEN ⋅ Kastagnettenklang auf der Bratsche: Solche musikalischen Entdeckungen und vielseitige Künstler boten die Konzerte auf Schloss Meggenhorn. In hautnah erlebter Kammermusik.
03. Juli 2017, 00:00

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch

Genuss für alle Sinne hielten auch dieses Jahr die sommerlichen Konzerte auf Schloss Meggenhorn bereit: von musikalischen Entdeckungen über stimmungsvolle Dekorationen im Schloss und dem weitem Ausblick über See und Berge bis zu kulinarischen Leckerbissen.

Im Eröffnungskonzert am Freitag gab es «Streichgenuss» mit dem Kaiser Quintett, am Samstag «Klassische Entdeckungen» mit dem preisgekrönten Orion String Trio und dem künstlerischen Leiter Fabio di Casola.

Nicht mal Fliegen können die Konzentration stören

Intendant Roland Meier gibt nicht nur die Karten selber aus, sondern trägt auch Stühle auf die Bühne und ist für alle Besucher Ansprechpartner, was die besondere Atmosphäre bei Klang Meggen unterstreicht. Wie einst bei den berühmten Schubertiaden sitzt man ganz nah am Geschehen, sieht jede Regung in den Gesichtern der Künstler und bewundert, dass sie sich selbst durch lästige Fliegen, die mal auf Nase oder Hand sitzen, nicht aus der Ruhe und Konzentration bringen lassen.

Man müsse sich fast anschnallen, um durch die Tänze aus «Fünf Stücke für Streichquartett» von Erwin Schulhoff (1894–1942) nicht weggefegt zu werden, sagte Geigerin Daria Zappa. Und tatsächlich spielten die vier jungen Damen derart zupackend und mitreissend, dass ihre schön auf die Farben des Klanglogos abgestimmten langen Kleider mitwehten: schwindelerregend schnell «Alla Czeca», leidenschaftlich «Alla Tango milonga» und wie ein Insektenschwarm schwirrend «Alla Tarantella». Schade, dass nicht alle fünf Tänze zu hören waren.

In Schuberts Streichquintett C-Dur schien es, als würde die in der Mitte sitzende Bratschistin Janka Szomor-Mekis die Mitspieler durch ihre Blicke und intensive Spielweise besonders zu inspirieren (2. Violine Silvyia Savova, Fulvia Mancini und Massimiliano Martinelli, Cello). Besonders ausdrucksvoll gelangen die Wechsel im Scherzo, die von übermütiger Diktion zu den fast gespenstisch fahlen Klängen im Mittelteil reichten. Und, wie so oft im Bürgersaal des Schlosses, spielte auch hier die Natur mit: In den Schlussakkord des ersten Satzes mischte sich punktgenau Donner ein. In der Zugabe, Luigi Boccherinis Fandango, zeigte das Kaiserquintett spanisches Temperament mit virtuosen Springbögen und Kastagnettenklang auf der Bratsche.

Am Samstag gab es nicht nur klassische Entdeckungen – das 2012 in Basel gegründete Orion String Trio ist eine Entdeckung für sich. Soyoung Yoon, Violine, Veit Hertenstein, Viola, und Benjamin Gregor-Smith, Cello (alle drei spielen im Basler Sinfonieorchester), musizieren auswendig, sozusagen ohne Netz und doppelten Boden. Sie erreichen dabei eine unglaubliche Intensität und wagen sich dynamisch und rhythmisch in Grenzbereiche.

Das war im Streichtrio op. 9 Nr. 1 in G-Dur von Beethoven eindrücklich zu hören. Dass sich der Komponist, wie von Wiener Zeitgenossen beschrieben, mit dieser Musik in Regionen des «in höchstem Grade Wunderbaren» vorwagte, konnte man in der Interpretation des Orion String Trio gut nachvollziehen. Mit feinem Gespür für die weiten Melodiebögen, für die sanft klagenden Motive im Adagio und die dann wie aus einer anderen Welt hereinscheinenden lichten Stimmungen des Scherzo kosteten sie Beethovens frühe Meisterschaft voll aus.

Mit zwei unbekannteren Zeitgenossen Beethovens wurde man vielfältig überrascht. Fabio di Casola verlieh dem Klarinettenquartett B-Dur op. 21 Nr. 1 von Franz Krommer (1759–1831) virtuose Farbigkeit und verband seinen variablen Klang sensibel mit den drei Streichern. Immer wieder berührten die Übergänge von volkstümlicher Melodik in tiefempfundene Mollklänge, die Krommers Harmonieverständnis belegten.

Pausen augenzwinkernd leicht ausgedehnt

Von dem zweiten «Unbekannten», dem aus Finnland stammenden Bernhard Henrik Crusell (1775–1838), erklang das Klarinettenquartett in Es-Dur op. 2 Nr. 1. «Es ist sehr virtuos und deshalb schwer zu spielen», meinte di Casola, aber das war im Konzert nicht zu merken. Mühelos gelangen ihm die rasantesten Läufe, spielten die Streicher gesangliche Kantilenen aus. Und die kleinen Pausen, die der Komponist eingestreut hatte, wurden mit Augenzwinkern leicht ausgedehnt. Bei Apéro und Menü konnte man, wie nach jedem Konzert in Meggen, nacherleben und sich mit den Künstlern und Zuhörern über das Gehörte austauschen.


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