«Kanonade» aufs Publikum hat das Festival richtig lanciert

MONTREUX ⋅ Das diesjährige Jazzfestival startete irritierend leise mit Piano und 20 Streichern, lud dann aber bald schon laut zum Tanz. Montreux ist aufgewacht. Doch die grossen Paukenschläge stehen noch aus.
03. Juli 2017, 00:00

Normalerweise leistet sich das Montreux Jazz Festival zum Auftakt einen Paukenschlag, und dann wird im Idealfall während 16 Nächten die Intensität langsam gesteigert. Gerne erinnern wir uns ans letzte Jubiläumsjahr mit Anohni, der mit seiner majestätisch orchestrierten Friedensbotschaft die Latte sehr hoch setzte. Was dem Festival gute Kritiken und viel Wohlwollen einbrachte.

Wohlwollen war am ersten Tag auch gefragt, denn manch einer fühlte sich vorerst mächtig vor den Kopf gestossen. Heuer fing alles mit Minimalismus pur an – von wegen Paukenschlag! Ganz so, als hätte man im beschaulichen Dörfchen an der Riviera nach dem rauschenden 50-Jahr-Jubiläum ein Hang-over. Auch die vermehrt öffentliche Polizeipräsenz dieses Jahr ernüchtert eher. Ansonsten: graues Wetter, wenig Leute, kaum Euphorie. Und dann ein Pianist und Remixer mit Namen Richter. Dazu später mehr.

Ausser einem weissen Lichtstab sah man nichts

Montreux ist bekannt für seine Nachtschwärmer, die hordenmässig an den Wochenenden einfliegen. Die kamen freitags auch diesmal, allerdings erst gegen Mitternacht, als der US-Chilene Nicolas Jarr seine Rave-Endlosschleife aus dem Bühnendunkel warf. Das war nicht nur magisch wegen der Musik, sondern auch, weil man ausser einem weissen Lichtstab nichts sah. So konnte man sich aufs ­Verinnerlichen des packenden Soundmixes konzentrieren. Oder noch besser aufs Veräusserlichen, also Tanzen.

Der Samstag startete mit einer Powershow – dank der belgischen Soulwax-Truppe. Gleich mit einer Kanonade aus drei Trommelboxen, in denen sich ein Trio fitnessmässig abarbeitete, wurde da unter Beihilfe von vier Keyboards aufs Publikum «geschossen». Das Rhythmus-Feuerwerk wirkte manchmal militant, meist aggressiv und energetisch wie selten, ja teilweise war die laute Dröhnung gar körperlich schmerzhaft zu spüren. Aber die neuen Trendsetter fürs flippige Abtanzen wurden gross gefeiert.

Party, das wird in Montreux bekanntlich immer wieder gefordert – und geliefert. So wie von Phoenix, den netten Poppern mit den hübschen Melodien. «Ti amo» heisst ihr neustes Werk, und so singen die Franzosen: das Gegenüber umarmend, umwerbend, bezirzend. Aber leider doch etwas lahm nach dem berauschenden Soulwax-Gewitter.

Anything goes, das erlebt man über die Tage am Musikreigen: Der Wirbelwind Jacques etwa schlägt Rhythmus auf Salatsieb und Tassen, klampft dann auf der Gitarre eine Ode an Hendrix. Leidenschaftlicher Ghetto-Pop beschert der Jugend Lukas Graham, der beseelt wie Elton John auftritt. Eine veritable Entdeckung aus Dänemark, wunderbarer Wohlfühlsound.

Im Wohlklang förmlich baden konnte man zum Auftakt am Freitagabend. Remixer Max Richter holte Vivaldis «Vier Jahreszeiten» mit 20 Streichern in die Neuzeit. Mutig, jedoch nicht mit durchschlagendem Erfolg an der Kasse. Bizarrer, aber kitschfreier Start. Da hätte man sich lieber sein achtstündiges Wiegenlied «Sleep» live gewünscht, so wie Richter es auf seiner Tour bald in Paris und Madrid tun wird.

Die Stars kommen noch, inklusive der Afro-Garde

Mittlerweile ist man in Montreux also doch aufgewacht, das Festival kam gut in die Gänge. Auch die Sonne zeigt sich wieder, und die Stars kommen ja noch: Heute Abend Beth Ditto und die Pet Shop Boys. Und bald lockt die schillernde Afro-Garde: Solange, Lauryn Hill, Erykah Badu, Sampha, Gucci Mane, Michael Kiwanuka, Benjamin Clementine, Usher & the Roots sowie die Diva Grace Jones. Es könnte das Festival der Schwarzen werden.

Was kein anderes Festival bietet: Gratis-Workshops mit Stars, bei denen sie manchmal nicht nur Instrumentaltricks verraten – sondern auch gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Auf zu Richard Galliano (morgen, 15 Uhr)! Und ganz neu gibt es heuer in der schmucken «Out of the Box»-Reihe intime und günstige Konzerte in ehrwürdigen Locations: im Kloster, in Fünfsternehotels oder im Schloss Chillon.

Mathias Haehl, Montreux

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das Jazzfestival dauert bis 15. Juli. Info: www.montreuxjazz.com


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