Kommunizieren mit zehn Fingern

KKL ⋅ Das Kammerorchester Basel unter Trevor Pinnock präsentiert zweimal Beethoven: im Götterzorn und mit dem Pianisten Rafa Blechacz zum Niederknien.
16. Mai 2017, 00:00

Die kleineren Orchester lassen in der Schweiz immer mehr von sich hören. Wie die Camerata Bern, die die Ausnahmegeigerin Patricia Kopatchinskaja zur Leiterin gewählt hat. Oder die Festival Strings Lucerne, die im Juni als erstes Schweizer Orchester in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten.

Sie sind viel unterwegs, stilistisch agil und können sich anderem Repertoire widmen als gross besetzte Klangkörper. Das Kammerorchester Basel bewies es am Sonntag im KKL mit einem Programm, das Beethoven mit zeitgenössischer Musik verband.

Geschichten von Majestät und Verletzlichkeit

Gleich zu Beginn arbeitet Pinnock in Beethovens «Prometheus»-Ouvertüre gezielt auf Präzision und führt die Linien zum Strahlen. Hier lebt der Götterzorn des Prometheus auf, den Beethoven mit kompositorischen Mitteln initiiert.

Ohne Pathos betritt der 33-jährige polnische Pianist Rafa Blechacz die Bühne, eher förmlich setzt er sich an den Flügel und lauscht der Introduktion zu Beethovens drittem Klavierkonzert. Doch wenn er in die Tasten greift, wird klar: Dieser junge Musiker beherrscht sein Metier bis ins letzte Detail. Er erzählt Geschichten von königlicher Majestät und tiefster Verletzlichkeit. Dabei verliert er nie das Ziel aus den Augen, Beethovens Spannungsbögen sind stets pointiert.

Blechacz reichert die Linien mit Grazilität an, ohne die nötige Klarheit zu verlieren, geniesst die langen Kadenzwendungen und Triller. Hier kommunizieren zehn Finger, beide Hände miteinander und wissen, wovon sie sprechen. Das Orchester mischt sich in diese Zwiegespräche ein, begleitet subtil und unterstützt Blechacz’ Sensibilität für die Partitur.

Klangfarbenexperiment mit «Bach+»

In der zweiten Konzerthälfte ist Matthias Arters «Aquarell über das Ricercar a 6 von Johann Sebastian Bach» ein Klangfarbenexperiment über die dreistimmige Fuge aus Bachs «Musikalischem Opfer». Titel und Werk beziehen sich auf die Legende, wonach Bach diese Fuge über das vom Monarchen Friedrich II. erdachte Thema aus dem Stegreif improvisiert hätte. Als der König eine sechsstimmige Fuge verlangt habe, musste selbst Bach passen, das «Ricercar a 6» entstand erst am Schreibtisch.

Weiter mit David Garrett und Regula Mühlemann

Arters Herangehensweise ist erfrischend, sogar gespickt mit Humor. Von gestopften Blechbläserklängen bis hin zu scharf akzentuierten Pizzicati integriert er zudem ein kleines Fernorchester. Das durchdringt vielschichtig die Fuge, raubt der musikalischen Irrfahrt aber auch den Bogen.

Wie einvernehmlich das Kammerorchester Basel musiziert, zeigt sich exemplarisch in den Mittelsätzen von Felix Mendelssohns Reformationssinfonie. Pinnock schlägt für das «Allegro vivace» ein zügiges Tempo an. Das pastorale Thema erinnert an einen aufmüpfigen Maibummel, auf welchem es so einiges zu entdecken und zu erleben gibt.

Auch der Lucerne Chamber Circle bietet in der nächsten Saison einiges zu entdecken. In neun Konzerten setzen der Geiger David Garrett und eine Cellonacht neue Akzente. Und für den Schwerpunkt auf historische Aufführungspraxis steht neben Konzerten mit The King’s Consort and Choir oder Regula Mühlemann auch wieder das Kammerorchester Basel.

Isabel Bischof

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

www.swissclassics.ch


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