Netflix-Film sorgt in Cannes für lauten Protest

FILMFESTIVAL ⋅ Dass in Cannes auch Filme des US-Streamingdienstes Netflix gezeigt werden, sorgte schon im Vorfeld für Irritationen. Gestern feierte der Film «Okja» Premiere – und es kam prompt zu einem kleinen Skandal.
20. Mai 2017, 00:00

Die erste Netflix-Produktion in der Geschichte des Filmfestivals von Cannes hat gestern ihre Premiere gefeiert – mit einem kleinen Skandal. «Okja» des Südkoreaners Bong Joon Ho wurde nach fünf Minuten gestoppt – nach anhaltenden Zwischenrufen aus dem Publikum. Kurz darauf wurde das Werk mit Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal in den Hauptrollen noch einmal von Anfang an gezeigt und konnte, abgesehen von Buhs beim Erscheinen des Netflix-Logos, ungestört projiziert werden.

Die Beteiligung von Netflix-Werken am Festival in Cannes ist umstritten, da die Werke nicht regulär in französischen Kinos laufen (siehe Ausgabe vom Dienstag). Der Streamingdienst will den Film Ende Juni auf seiner Plattform veröffentlichen, ohne weltweiten Kinostart. «Okja» soll lediglich in den USA und Südkorea auf der grossen Leinwand zu sehen sein.

Der Netflix-Film «Okja» wird offenbar zur ernst zu nehmenden Konkurrenz für die 18 anderen Beiträge im Wettbewerb. Denn der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho zeigt ein bildgewaltiges Märchen mit einem emotionalen Appell für den Schutz unserer Umwelt und der Tiere.

In einer grünen Idylle aufgewachsen

Im Zentrum stehen das Mädchen Mija und ihr geliebtes Riesenschwein Okja, die in den südkoreanischen Bergen in einer grünen Idylle gemeinsam aufgewachsen sind. Dann aber kommt ein multinationaler Konzern und will das Schwein in seinen Schlachthöfen zu profitablem Fleisch verarbeiten. Mija riskiert alles, um das gutmütige Tier zu retten. Es kommt zum Kampf der Tierschützer (darunter Paul Dano) mit dem Unternehmen, vor allem dessen Chefin (Tilda Swinton) und dem Arzt (Jake Gyllenhaal).

Es ist berührend zu sehen, wie eng die Beziehung zwischen dem Mädchen und Okja, ihrer besten Freundin, ist. Die Naturaufnahmen stehen im drastischen Kontrast zur künstlichen Unternehmenswelt und den Massentierhaltungen. Damit erinnert «Okja» in vielerlei Hinsicht an die Werke des gefeierten japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki.

Möglicherweise spielt aber gar keine Rolle, wie gut oder preiswürdig dieser Film ist. Immerhin hatte der Juryvorsitzende Pedro Almodóvar gleich zum Auftakt für Furore gesorgt, als er sagte: «Ich persönlich sehe nicht ein, warum die Goldene Palme an ­einen Film vergeben werden sollte, der dann nicht auf der grossen Leinwand gesehen werden kann.» Ist der Jurypräsident also voreingenommen?

Fest steht jedenfalls, dass die Gemüter teilweise so erhitzt scheinen, dass keine wirkliche Diskussion mehr möglich ist. Das Festival sah sich schon so stark unter Druck gesetzt, dass es die Statuten änderte: Ab dem kommenden Jahr müssen alle Filme im Wettbewerb verpflichtend auch einen späteren französischen Kinostart haben.

Aliki Nassoufis (DPA/SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: