Neuer Burgtheaterchef ist ein Provokateur

BÜHNE ⋅ Er liess schon Bräute mit Tierkadavern tanzen. Seine Inszenierungen polarisieren. Gestern wurde Martin Kusej als künftiger Chef des Wiener Burgtheaters präsentiert. Und positionierte sich als Veränderer.
01. Juli 2017, 00:00

Er wollte nie wieder das Wiener Burgtheater betreten. Das hatte Martin Kusej vor zehn Jahren angekündigt. Im Streit um den Chefsessel am renommierten Theater wollte er sogar alle Zelte in seiner österreichischen Heimat abbrechen. Doch der Sturm legte sich. Immer wieder inszenierte der Kultregisseur an der «Burg».

Nun kehrt der 56-jährige Intendant des Münchner Residenztheaters ganz nach Wien zurück. Von der Spielzeit 2019/20 an wird er die künstlerischen Fäden in der Hand halten, wie gestern bekannt wurde. «Ich stehe für Veränderung, Irritation und Aufregung», liess er das Publikum bei seinem ersten Auftritt wissen. Auch das Residenztheater habe er seit Dienstantritt 2011 aus einer Art Dornröschenschlaf geholt.

So ist die Wahl aus Sicht der Zeitung «Die Presse» eine «Besetzung nicht ohne Risiko, aber mit Glamour». Die Bühne könne sich zwar Experimente leisten, aber keine dauerhaft schlechtere Auslastung. Die stimmte zuletzt unter der deutschen Intendantin Karin Bergmann, die auch viel mit der Aufarbeitung des Finanzskandals beschäftigt war. Es gab Auszeichnungen wie «Theater des Jahres». Doch spektakuläre Inszenierungen blieben selten.

«Die ultimative katholische Laufbahn»

Kusej scheint der Richtige, um das Haus aus der künstlerischen Wohlfühlzone zu holen. Für einen «Kuschelkurs» sei er jedenfalls nicht zu haben. «Dafür habe ich schon viel zu viel in die Fresse gekriegt, als dass ich jetzt anfangen würde, mich anzupassen», so Kusej 2012 zu Beginn seiner zweiten Saison in München.

Seine Inszenierungen sind Zündstoff für die Gemüter. Da spielt ein Verdi-Stück schon mal im Schlachthof. Die Welt wird so grausam gezeigt, wie er sie empfindet. Geschönt wird nichts: etwa wenn Bräute mit gehäuteten Rehen auf der Bühne tanzen, wie bei Antonín Dvoáks Oper «Rusalka» in München. Die Bilder wirken nach, selbst wenn die Tierkadaver künstlich waren.

Wichtig ist für Kusej, der stets laut vor der Gefahr durch Rechtspopulisten warnt, die politische Dimension der Kunst. Sozialisiert wurde der gebürtige Kärntner dabei von geistlicher Seite. So arbeitet er sich bis heute an der Strenge der Kirche ab. «Ich habe die ultimative katholische Laufbahn hinter mir.» Hätte er als Ministrant nicht die Riten und Bräuche des Katholizismus erlebt, wäre er laut eigenen Aussagen wohl nicht am Theater gelandet. «Sünde, Bestrafung, Leiden für Leistung, Sex muss Liebe sein: Solches Zeug schwirrt scheinbar immer noch in meinem Kopf herum.»

Bekannt wurde Kusej Ende der 1980er-Jahre mit düsteren und wuchtigen Inszenierungen wie der von Karl Schönherrs «Es» am Schauspielhaus Graz. Ab 2005 war er für zwei Jahre Schauspielchef bei den Salzburger Festspielen. Zuletzt inszenierte er «Hedda Gabler» am Burgtheater.

In Wien hat sein Arbeitgeber schon mal formuliert, was er sich künftig wünscht. «In Anlehnung an Schiller halte ich das Burgtheater für eine moralische Anstalt und ein Instrument der Aufklärung. Ein Ort, an dem Diskurse noch mehr Platz und Zeit haben als die berühmten 140 Zeichen, die Twitter anbietet», sagte gestern Österreichs Kulturminister Thomas Drozda.

Sandra Walder (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch


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