«Sie starb an gebrochenem Herzen»

KINO ⋅ Eine Sängerin, die einen umhauen konnte, und die ein liebevoller und grossherziger Mensch war. Die Musikdoku «Whitney: Can I Be Me» sucht Gründe für das tragische Schicksal von Whitney Houston.
29. Juni 2017, 00:00

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Sie hätte mehr Hilfe gebraucht, als sie bekam. Sie wollte einfach normal sein. Sie starb an gebrochenem Herzen. Dies einige der Thesen, die der Dokumentarfilm «Whitney: Can I Be Me» über die 2012 an einer Überdosis gestorbene US-amerikanische Sängerin aufstellt. Abgestützt auf private Archiv- und Backstageaufnahmen und Aussagen von Zeitzeugen – Freunden, Familie, Mitmusikern, Musikmanagern – macht das alles durchaus Sinn und vermittelt das bisher umfassendste Bild einer Stimmkünstlerin, die zuletzt nur noch als Crackhead wahrgenommen wurde.

Es ist eine chronologische Wür­digung mit Konzertausschnitten der letzten erfolgreichen Tournee 1999, mit Houstons Tod als Klammer. «Wie konnte es dazu kommen?», fragen Dokumentarfilmer Nick Broomfield und Kultmusikvideo-Regisseur Rudi Dolezal.

Nicht zu schwarz ­ und ohne Vergangenheit

Whitney Houston wurde von ihrem Plattenlabel zur Popikone für die (weisse) Masse stilisiert, nicht zu schwarz, ohne Vergangenheit. Arista Records wollte keinen weiblichen James Brown. Ohne sie wären schwarze Popgrössen wie Beyoncé nicht möglich gewesen. Die schwarze Community aber fühlte sich damals von ihr verraten. Für sie war die Sängerin nicht schwarz genug, nicht R’n’B genug. «Das weisse Publikum hat mich von ihr entfernt», so äusserte sich Houston dazu. Bei den Soul Train Music Awards 1989 wurde sie ausgebuht. Ein «emotional vernichtendes Erlebnis», meint Saxofonist Kirk Whalum, für eine Sängerin, die sich immer total verausgabte.

In diesem Zusammenhang fällt der Satz «Can I be me?» – «Kann ich einfach ich selber sein?» Denn das Perfect Girl, das sie nach aussen hin repräsentierte, war sie nicht. Schon seit frühster Jugend stand Whitney Houston mit Drogen in Kontakt. Erschütternd offenherzig äussern sich ihre Brüder Michael und Gary Houston zum Thema. Mit zehn Jahren habe er Heroin ausprobiert, sagt Gary. Und Michael ergänzt: «Wir haben alles zusammen gemacht. Auch mit Drogen haben wir gemeinsam angefangen.»

Whitney Houston ist in Newark und East Orange, New Jersey, aufgewachsen, und seine Herkunft kann man nicht einfach abschütteln. «Leute aus dem Ghetto tun und mögen bestimmte Dinge. Sie tanzen, sie spielen. Das ist einfach Teil ihrer Kultur», meint Doug Daniel von Arista ­Records. So spielte Whitney Houston die Rolle, die ihr im harten Musikbusiness zugedacht war. In der verlogenen Popwelt der 1980er und 1990er. Doch Whitney Houston wusste, was es heisst, schwarz zu sein.

Drogen spielten schon ­ sehr früh eine Rolle

Die intensive Rolle der Mutter, der Gospelsängerin Cissy Houston, in der Karierreplanung der Tochter ist hinlänglich bekannt. Auch die enge und schwierige Beziehung zum Vater, der sie letztendlich auch noch verriet. Der Film relativiert aber auch einiges. Bobby Brown war nicht einfach der Bad Boy, der die unschuldige, gottesfürchtige Whitney, die sich für die Ehe aufgespart hatte, mit sich in den Abgrund riss. Brown hatte bereits ein Alkoholproblem, in Whitney Houstons Leben spielten Drogen schon sehr lange eine Rolle. «Alle waren auf Drogen. Die Frage war nur, wie sehr», fasst es Whitney Houstons Ex-Bodyguard zusammen.

Und die filmische Biografie stellt eine weitere These auf: Whitney Houston soll bisexuell gewesen sein. Doch auch die Beziehung zu einer Frau war im Karierreplan nicht vorgesehen. So stellt die Doku Whitney Houston als Opfer ihrer Zeit dar, geprägt von Rassismus und Homophobie; und als liebende Frau, die sich zwischen ihrer Jugendfreundin und steten Begleiterin Robyn Crawford und ihrem Ehemann Bobby Brown entscheiden muss.

«Whitney: Can I Be Me» zeichnet das Bild einer äusserst empfindsamen, bescheidenen, liebenswerten und lustigen Frau, die versuchte, ihrer ausserordentlichen Begabung gerecht zu werden. Eine Sängerin, die einen umhauen konnte, und die trotzdem mit Selbstzweifeln kämpfte – und den Folgen des Ruhms. So wird sie auch tatsächlich gewesen sein und man wünschte, sie hätte die Hilfe bekommen, die sie verdiente. Als sie einmal nach dem grössten Teufel in ihrem Leben gefragt wurde, antwortete Whitney Houston: «That would be me.»

Hinweis

«Whitney: Can I Be Me» startet heute in den Kinos Bourbaki (Luzern), Cinema Leuzinger (Altdorf).


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