Sinnliche Reizüberflutung

KUNST ⋅ Die Werke des Westschweizer Künstlers und Theatermachers Augustin Rebetez sind eine Welt für sich. Mit Laurent Güdel hat er im Nidwaldner Museum derzeit sein Universum eingerichtet. Auch die Festung Fürigen durfte er erkunden.
28. Juni 2017, 00:00

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Der Westschweizer Augustin Rebetez ist ein schräger Vogel. Wo seine Schwester, die Tänzerin und Performerin Eugénie Rebetez, seit Jahren in ausdrucksstarken performativen Bühnenarbeiten an der Authentizität ihrer kraftvollen Bühnenfigur arbeitet, entwickelt der Bruder in der vogelfreien Welt der Kunst in Bild, Ton und Video und seit einiger Zeit auch im Theater höchst eigensinnige multimediale Universen, die sich nur aus sich selbst begreifen lassen.

Die Ausstellung «Loudspeakers Convention», die Rebetez mit dem Musiker und Künstler Laurent Güdel im Nidwaldner Museum in Stans präsentiert, ist eine sinnliche Reizüberflutung mit grossem Unterhaltungswert.

Im holzverkleideten Pavillon neben dem Winkelriedhaus zeigt Rebetez zwei ältere Installationen. Dass der Künstler sie von Ort zu Ort immer wieder anders aufbaut, entspricht der Logik seiner Ästhetik, deren Handschrift die Metamorphose ist. Dass Rebetez dabei seit Jahren auf dieselben Symbole zugreift – schwarze Vögel, das Herz, die neuronalen Vernetzungen des Gehirns –, macht diese transformatorische Kraft seiner Kunst erst erfahrbar.

Ein bisschen Galgenhumor und Wilder Westen

In «Colloque des Oiseaux» hat Rebetez schwarze Vögel mit kraftvollem, aber eingefrorenem Flügelschlag und aufgerissenen Schnäbeln auf behelfsmässig zusammengezimmertes Mobiliar genagelt. Man wähnt sich zwischen den Galgen des Wilden Westens, wäre da nicht das Fusspedal, mit dem sich die Vögel in Bewegung setzen lassen, zu einer Tonkulisse, die sich beinahe humorig ausnimmt.

Die Gegensatzpaare Humor und Melancholie, Leichtigkeit und Schwere, Belebtheit und Unbelebtheit werden bei Rebetez ständig austariert. Es scheint, als könne die Welt jederzeit in ihr Gegenteil kippen, alles ist ein grosses Provisorium, der Ausstellungsraum atmet Atelieratmosphäre.

Während die extra für die Ausstellung gefertigten Acrylmalereien an den Wänden mit Rebetez’ Lieblingsmotiven repetitive Muster bilden und wie die zweidimensionale Fortsetzung zur Installation erscheinen, wuseln in der zweiten Installation, einer kleinen Stadt aus Pappkarton und diversen Materialien, Figuren zwischen den Häuserblocks, aus deren Köpfen auch mal eine Stecknadel ragt oder in deren Hände sich ein Mobiltelefon en miniature verirrt hat.

Wer das Universum Rebetez begreifen will, muss nah heran und verliert sich aufs Neue in Details. Es ist die Lust an der Unendlichkeit, am labyrinthischen Denken, das auch Rebetez’ bekannten Stop-Motion-Film «Oiseaux» (2014) beherrscht, wo ein schwarzes Männlein aus einem Koffer steigt und sich mit verschiedenen Materialien wie ein Cyborg zu verschiedenen Apparaturen verschmilzt. Dass dabei mehr gebrabbelt wird als gesprochen, ist konsequent. Wir verharren bei Rebetez in einem Zustand, den man auch als vorsprachlich umreissen könnte. Das Leben begreift Rebetez als Labyrinth, aus dem man nicht gleich herauskommt, wie man einst hineingeschlittert ist.

Ein unkonventioneller Gang durchs Reduit

Dass das Nidwaldner Museum den Künstler in das Universum der Festung Fürigen einsteigen liess, wo Rebetez mit zweien seiner Theaterdarsteller einen Film gedreht hat, ist ein Glücksfall, prallen hier doch gleich zwei hermetische Systeme aufeinander. Die in der Festung Fürigen zu sehende Videoarbeit «Loudspeakers Convention» erkundet das museal gewordene Reduit aus dem Zweiten Weltkrieg spielerisch, tänzerisch und höchst unkonventionell. Auf dem Operationstisch der Krankenstation fuchteln zwei Darsteller mit spitzem Operationsbesteck, halten sich tote Telefonhörer ans Ohr und lauschen in den Resonanzraum der Festung.

Zwölf Apostel aus dem Baumarktsortiment

Rebetez’ Kollege Laurent Güdel geht da geordneter vor. In der kleinen Kapelle im Winkelriedhaus stehen apostelgleich zwölf mannshohe Lautsprecher, die sogenannten «Speakers» (2017). Zusammengebaut hat Güdel sie aus dem Baumarktsortiment. Wo normalerweise die christliche Gemeinde dem Prediger hinter dem Altar lauscht, haben hier die Lautsprecher das Wort.

Um die Selbstzensur der Medien geht es in Güdels Videoarbeit «Blacklist» (2017), zu der es auch eine Broschüre gibt. Güdel, der selbst als Journalist gearbeitet hat, hat 585 Wörter gesammelt, bei deren Verwendung das Online-Newsportal «20 Minuten» seine Leserkommentare entweder löscht oder eine unmittelbare Freischaltung unterbindet. Güdels Schwester, eine Schauspielerin, hat die Begriffe emotionsbefreit und in alphabetischer Reihenfolge eingesprochen. «Lügenpresse» findet da Platz neben «Menopause» und «Migrant». Eine spannende Arbeit im Graubereich von Rechtsschutz und Selbstzensur.

Hinweis

Museum Nidwalden, Winkelriedhaus. Augustin Rebetez und Laurent Güdel, «Loudspeakers Convention». Eine Videoarbeit befindet sich in der Festung Fürigen, Stansstad. Bis zum 15.10. www.nidwaldner-museum.ch


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