Studierende zeigen sich als fertige Künstler

MUSIKHOCHSCHULE ⋅ Die Abgänger des Studiengangs Solo Performance traten am Mittwoch im KKL auf. Zusammen mit dem LSO und dem Dirigenten Karel Deseure stellten sich jedoch nicht nur vier Studierende vor, sondern vier reife Künstlerpersönlichkeiten.
30. Juni 2017, 00:00

Katharina Thalmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Schwelle, an der die vier Solisten stehen, ist einmalig in einer Musikerkarriere: Technische Topform und künstlerische Ansprüche, die während des Studiums erarbeitet wurden, bilden fortan das Rüstzeug für die im Werden begriffenen Karrieren.

Der Countertenor Stefan Wieland eröffnete das Konzert mit zwei der wohl bekanntesten Counter-Arien aus Händels Feder: In «Ombra mai fu» aus «Xerxes» spannte er lange Legato-Linien in samtenen Höhen. Zu diesem Kleinod kombinierte er «Venti, turbini, prestate» aus «Rinaldo». Hier jagte eine virtuose Koloratur die nächste. Und vermutlich hätte Wieland sie noch schneller singen können, was jedoch zu Differenzen mit dem parallel laufenden Fagott geführt hätte. In einer Mini-Kadenz kurz vor Schluss liess Wieland seine Stimme charmant von den höchsten Höhen in dunkle Tiefen stürzen, und diese zwei tiefen Noten liessen ihn und den ganzen Saal schmunzeln.

Lieblichkeit und kindliche Naivität von Mozart

Die zweite Konzerthälfte eröffnete Wieland mit einer Arie aus Mozarts Oper «Mitridate». Mozart schrieb die Oper mit knapp fünfzehn Jahren. Die Lieblichkeit und kindliche Naivität seiner Klangsprache, aber auch ihre grosse Ausdruckskraft und ihr adoleszenter Trotz vermochten sich mit einer Counterstimme von Wielands Farbigkeit wunderbar auszudrücken.

In Dvoáks «Waldesruhe» zeigt sich das Cello von seiner Schokoladenseite. Der Solist Jonas Vischi wählte einen zarten und einfühlsamen Zugang zum Stück, entlockte seinem Instrument die leisesten, innigsten Töne – wobei ihm die Klarinette und die Flöte einen kleinen Strich durch die Rechnung machten. Der Dirigent Karel Deseure erwies sich hier wie überall als guter Vermittler, leitete unauffällig und zurückhaltend, jedoch stets zuverlässig und klar.

Erst vor knapp zwei Wochen hatte das LSO seine Saison mit Beethoven-Sternstunden beendet und sämtliche seiner Klavierkonzerte aufgeführt. Deswegen überraschte es, dass sich am Mittwoch im Vorspiel zu Beethovens drittem Klavierkonzert in einzelnen Registern Probleme bemerkbar machten.

Interpretation, die auch vom Schalk lebt

Die Pianistin Elina Akselrud machte in den eröffnenden, aufbegehrenden Läufen des Klaviers ihren zupackenden Zugang zum Konzert hörbar. Weil sich aber die Funktion beispielsweise der eröffnenden Tonleitern – zunächst Signalwirkung, dann Begleitmotiv – im Satzverlauf ändert, führte Akselruds energiegeladene Interpretation bisweilen zu rhythmischer Uneinigkeit mit dem Orchester. Anders im spritzigen Rondo: Akselrud erzielte hier die Griffigkeit ihrer Interpretation vermehrt durch Schalk denn durch Akzentuierung, und auch das Orchester zeigte sich in der Fugato-Durchführung von seiner delikat-kultivierten Seite.

Frank Martins Ballade für Altsaxofon von 1938 könnte tendenziell als etwas sperrige, sich nicht ohne weiteres selbst erklärende Musik bezeichnet werden. Jedoch zeigte der Saxofonist Hiro­taka Haga eine wunderbare und ernsthafte Bühnenpräsenz und zog das Publikum so in seinen Bann. Vom Orchester meist ostinat begleitet, führte er sein Instrument in elegischen Linien an die Ränder der Register. So folgte das Publikum nur zu gern diesen differenziert kolorierten Kantilenen und weitgespannten Intervallen.

Zum Abschluss des Konzerts durfte man sich einer Repertoire-Rarität der besonderen Art erfreuen: Jonas Vischi spielte die virtuosen «Variations des concert» von Jean Françaix. Die acht Variationen übertreffen sich gegenseitig mit technischen Kniffen wie Doppelgriffen, Flageolets und Pizzicati. Vischi, seit März fes­tes Mitglied des LSO, vermochte mit seiner Ausdrucksvielfalt, seiner Aufgeschlossenheit und seinem kammermusikalischen Zugang das ganze Orchester anzustecken.

Recht heterogen in den jeweiligen Längen

Die kunstvollen Interpretationen liessen einen vergessen, dass es sich bei dem Abend eigentlich um eine Abschlussprüfung handelte. Einzig das Programmheft mit seinen Literaturangaben rief diesen Umstand in Erinnerung – vielleicht täte die Musikhochschule gut daran, bei Abenden wie diesen den Vermittlungsanspruch etwas zurückzustellen zu Gunsten eines genussvollen Konzerterlebnisses.

Summa summarum sei auch bemerkt, dass die Länge der einzelnen Beiträge möglicherweise hätte überdacht werden können. Während das Beethoven-Konzert rund vierzig Minuten in Anspruch nahm, war Hirotaka Haga nur eine gute Viertelstunde vergönnt. Doch gerade ihm hätte man zu gerne noch länger zugehört, zumal das klassische Saxofon ein selten gesehener Gast in den grossen Konzertsälen ist.


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