Übrigens

Unverhofftes zum Muttertag

15. Mai 2017, 00:00

Als die Kinder mir ihre Muttertagsgeschenke aus der Schule zeigten, realisierte ich, dass ich nicht einmal an Blumen gedacht hatte. Die Rettung fand ich dann im Hühnerstall. Da nämlich sassen seit Wochen zwei Hennen auf ihren Gelegen und brüteten ihre Eier aus.

Jetzt also war es unverhofft so weit und lugte ein Bibeli unter dem Gefieder der Glucke hervor – passend zum Muttertag! Denn sind Glucken nicht das Sinnbild einer zwar genetisch programmierten, aber sich selbstlos aufopfernden Mutterliebe?

Dass man von deren Instinktverhalten nicht Rückschlüsse auf die Menschen ziehen kann, hält uns allerdings der Hahn vor Augen: Besteigt er die Hennen, ist das mehr Vergewaltigung als Liebesakt. Und die Eier machen selbst die Frage nach der Mutterschaft kompliziert. Denn wann wird eine Henne Mutter: Wenn sie ein Ei legt, dieses ausbrütet oder wenn ein Küken schlüpft? Nimmt das Ei gar den Brutkasten vorweg, mit dem Reproduktionsmediziner dereinst Gebären vom Geschlecht abkoppeln wollen? Eier könnten ja – wie bei anderen Vogelarten – genauso gut vom Hahn ausgebrütet werden wie von der Henne.

Kam hinzu, dass die Bibeli-­Glucke acht Eier aus dem Nest schubste. Davon gab es zu viele, weil die nicht brütende Henne ihr die eigenen unterschob und sie so als Leihmutter gebrauchte. Vielleicht ist die Glucke also gar nicht die Mutter des Bibelis? Da lobte ich mir, dass wir ihn in der Familie ohne Wenn und Aber feiern konnten – den Muttertag.

Urs Mattenberger, Kulturredaktor

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch


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