Von Künstlern lernen

BIENNALE ⋅ Die Kunst und die Künstler feiern will die Biennale in Venedig. Dies gelingt ihr, indem sie nicht auf grosse Namen, sondern auf viele unbekannte Künstler aus aller Welt setzt. Weniger gelungen ist hingegen die enge Struktur der neun Pavillons.
13. Mai 2017, 00:00

Christina Genova, Venedig

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Künstler schläft, die Decke hat er bis zur Nase hochgezogen. Doch ruht er nur scheinbar, denn was er tut, ist Arbeit. «Passt bloss auf, dass ihr nichts verpasst. Denn vielleicht entsteht aus seinen Anstrengungen ein Meisterwerk», warnt das kasachische Künstlerpaar Yelena und Viktor Vorobyev, von welchem die Installation «The artist is asleep» stammt. Sie spielen bewusst mit dem Klischee des faulen Künstlers, indem sie den Spiess umdrehen. Sie betonen, wie wichtig das Träumen für die künstlerische Arbeit ist. Otium statt Negotium – Müssiggang als Gegenentwurf zur Geschäftigkeit unserer rastlosen Welt: Mit diesen beiden lateinischen Begriffen umreisst Kuratorin Christine Macel eine der zentralen Prämissen der ab heute geöffneten 57. Biennale von Venedig. An der bedeutendsten Kunstbiennale der Welt sind 120 Künstler beteiligt, darunter zwei Schweizer: Julian Charriere und Heidi Bucher.

Die Biennale trägt den Titel «Viva Arte Viva», frei übersetzt «Es lebe die Kunst, sie lebe hoch». Eine Biennale, welche die Kunst und die Künstler feiert und in den Mittelpunkt stellt, soll es nach dem Willen von Macel sein. Fast schon als Heilsbringer sieht sie die Künstler in einer von Konflikten zerrissenen Welt: «Auch wenn die Kunst die Welt nicht verändert hat, bleibt sie der Ort, wo sie neu erfunden werden kann», ist die 48-jährige Französin überzeugt. Die Hauptausstellung im Arsenale und im Zentralpavillon ist so klar strukturiert wie schon lange nicht mehr: Sie ist thematisch in neun Pavillons unterteilt, die Macel als Stationen einer Reise von der Innerlichkeit in die Unendlichkeit definiert.

Der erste Pavillon ist den Künstlern und den Büchern gewidmet und bildet den Prolog der Ausstellung. Dass es neben der bereits genannten Musse auch sehr viel Fleiss, Ausdauer und Leidensbereitschaft braucht, um als Künstler zu reüssieren, klammert Macel aus. Über Dawn Kasper, die ihr gesamtes Atelier in die Ausstellung verlegt hat, erfährt man in einem Nebensatz, dass sie diese künstlerische Praxis aus der Not entwickelt hat, weil sie ihr New Yorker Atelier nicht mehr bezahlen konnte. Ausufernd thematisiert die Ausstellung hingegen die Liebe der Künstler zum Buch. Auch im zweiten Pavillon, der den Ängsten und Freuden gewidmet ist, kommt die Ausstellung nicht so richtig in Schwung.

Hollywoodstars als Sprachrohr für Flüchtlinge

Kunst, die Mut macht, und Werke, die aufzeigen, was Künstler mit ihrem Tun bewirken können, finden sich dann doch noch: Im Pavillon der Gemeinschaft bringt Marcos Ávila Forero einer Minderheit von Afrokolumbianern ein verloren gegangenes Ritual zurück. Im Pavillon der Erde verwandelt Bonnie Ora Sherk mit den Quartierbewohnern die Brache neben einer Autobahn in San Francisco in einen Gemeinschaftsgarten. Humorvolle Arbeiten jenseits der direkten Weltverbesserung stammen vom Japaner Shimabuku, der ein Mac Book spitzt und damit einen Apfel zerschneidet, oder Michel Blazy aus Monaco, der es in alten Turnschuhen wachsen und spriessen lässt. Im dionysischen Pavillon ist die beeindruckende Arbeit «Food for Thought» von Maha Malluh zu sehen, die sich mit der Rolle der Frau in ihrer Heimat auseinandersetzt. Es ist das erste Werk einer Künstlerin, das in Saudi-Arabien öffentlich ausgestellt war. In Brotkästen hat Malluh Audiokassetten zu einem farbigen Mosaik gefügt. Zu lesen sind auf Arabisch Worte wie «haram»– verboten, oder «fitna» – Versuchung. Auf den Kassetten geben religiöse Führer den Frauen Anweisungen zu ihrem Verhalten. Einen schönen Abschluss bildet der Pavillon der Zeit und der Unendlichkeit mit schönen Arbeiten von Liu Jianhua und Alicja Kwade.

Die beiden stärksten Arbeiten der diesjährigen Biennale finden sich jedoch in den Länderpavillons und widmen sich beide auf überraschende Weise den Flüchtlingen: Im südafrikanischen Pavillon lässt Candice Breitz die Hollywoodschauspieler Alec Baldwin und Julianne Moore die wahren Geschichten von Flüchtlingen erzählen. In einem zweiten Raum berichten die Flüchtlinge selbst von ihren Schicksalen. Hören wir ihnen genauso aufmerksam zu wie den Stars? Im tunesischen Pavillon hingegen wird der Ansatz einer Lösung skizziert: Jedem Besucher wird ein «Freesa» ausgestellt – ein universelles Visum für eine Welt ohne Grenzen.

Bis 26.11., www.labiennale.org


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