Wo Osten auf Westen trifft, wird’s psychedelisch

WELTMUSIK ⋅ Unter dem Namen Mahadev Cometo veröffentlicht der Ex-Young-Gods-Musiker Alain Monod sein erstes Sitar-Album: eine psychedelische Verbindung von Raga und Elektronik.
28. Juni 2017, 00:00

Die ersten Klänge von «Freedom» setzen ein: Die Sitar scheint mitten aus dem plärrenden Strassenleben von Varanasi aufzutauchen. Von Anfang an mischt auch die Elektronik im Klangbild mit. Basspulse grundieren in unterirdischen Vibrationen, Klänge oszillieren ins Delay, es zischt und schwirrt. Doch der melodische Klang der Sitar bleibt ungetrübt präsent, expandiert und transformiert sich. «Freedom» gibt dem Begriff psychedelisch wieder eine ursprüngliche Note.

22 Jahre arbeitete Alain Monod alias Al Comet mit der Post-Industrial-Band The Young Gods. 2011 gewann er ein halbjähriges Residence-Stipendium in Varanasi, wo er beim renommierten Guru Rabindra Goswami Sitar spielen lernte. Nach fünf Jahren Üben und Experimentieren legt er jetzt als Mahadev Cometo mit dem Album «Freedom» die Früchte seiner Arbeit vor: ein Raga in vier Teilen, raffiniert erweitert mit Elektronik.

Faszinierender Sound-Kosmos

Die Sitar entfaltet sich in einem faszinierenden Sound-Kosmos. Klänge bräteln im Soundfeld wie die offen geführten Stromleitungen in indischen Städten. Im Ausklingen des zweiten Teils ist die Stimme eines Strassensängers zu hören, beim Übergang in den letzten Teil dröhnt ein langes Sirren an der Grenze von Puls und Space. Dem Album wohnt in all seiner Massivität eine grosse Ruhe inne.

«Ich hatte nie vor, das Instrument so zu spielen wie ein Inder, denn meine Wurzeln liegen seit meiner Jugend viel näher beim Rock’n’Roll als beim indischen Raga», sagt Mahadev Cometo. Den Namen Mahadev («Grosse Gottheit») bekam er von den Indern verliehen, die über seine Sitar-, Elektronik und Studiokenntnisse staunten. Vielmehr wollte er den Sound der Sitar in neue Kontexte stellen. «Ich habe mir bei meinem indischen Guru die Technik und das Wissen angeeignet, um mit der Sitar meine eigenen musikalischen Vorstellungen weiterentwickeln zu können.»

Es wurde ein langer Weg. 2012 begann er mit seinem ehemaligen Young-Gods-Kumpel Vincent Hänni, Beats zu produzieren. Aber nach den ersten Sessions kamen die Welten der «östlichen» Sitar und der «westlichen» Elektronik klanglich nicht so zusammen, wie er es wollte. Dann zeigte sich der ehemalige Killing-Joke-Bassist Martin Glover alias Youth am Projekt interessiert. Doch die Mixes des bekannten Produzenten klangen für Mahadev Cometo zu stark nach herkömmlichem Ambient-Dub.

«Neue musikalische Welt»

Cometo wollte aber nicht eine weitere Scheibe, auf der ein westliches Elektronikkonstrukt mit etwas indischem Parfüm bestäubt würde. Er suchte seine eigene East-West-Imagination, durchaus mit elektronischen Mitteln. Am Ende entdeckte er durch Zufall einen neuen Sampler, mit dem er – ganz Young God – die passende Arbeitsweise entdeckte: Er sampelte die Sitar, kreierte die ganze Klangwelt mit den flirrenden Tablas, Drones und Sounds und baute alles zum wunderbar-kaleidoskopischen Sound des Albums zusammen.

Mahadev Cometo spielte in den letzten Jahren mit Mich Gerbers All Star Jam Band zusammen und hat auch Konzerte mit Superterz, Jojo Mayer, Wolfgang Zwi­auer und Andy Pupato gegeben. Dass er nach seinem Young-Gods-Abenteuer, auf das er stolz ist, zur Sitar gefunden hat, bezeichnet Cometo als grosses Glück. «Ich kann mit ihr eine neue musikalische Welt entdecken.» Auch Produzent Youth ist inzwischen darin eingetaucht und hat sich für einen Remix ange­meldet.

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Mahadev Cometo Freedom (LP/CD/Download Piper Cub Record).


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