Ausländische Frauenquote hilft der Schweiz

ARBEITSMARKT ⋅ In den Geschäftsleitungen von Schweizer Unternehmen arbeiten immer mehr Frauen. Doch drei von vier weiblichen Spitzenmanagerinnen stammen aus dem Ausland.

08. März 2017, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

«Freiwillige Massnahmen statt Quoten.» Für Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt ist die von Bundesrätin Simonetta Sommaruga angeregte Einführung einer Frauenquote für die Besetzung der Führungsetagen in den Schweizer Unternehmen ein ordnungspolitischer Sündenfall. Dass es auch ohne Zwang geht, beweist nach Auffassung Vogts der aktuelle «Schilling-Report». Von den 129 Managern, die 2016 neu in die Geschäftsleitungen der 100 grössten Unternehmen aufgestiegen sind, ist jeder fünfte eine Frau. «Ein schöner Rekord», freut sich Managementberater Guido Schilling, der die statistische Auswertung seit zwölf Jahren mit seiner gleichnamigen Zürcher Firma vornimmt.

In der Tat: Der Frauenanteil unter den neuen operativen Spitzenführungskräften in der Schweizer Wirtschaft nimmt sich in Schillings Zeitreihe wie ein statistischer Ausreisser aus. In der Vergangenheit betrug die Anzahl weiblicher Neuzugänge weniger als 10 Prozent pro Jahr. Dank dem jüngsten Schub hat sich der Anteil der Frauen in den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Firmen auf 8 Prozent erhöht. Während der vergangenen fünf Jahre bewegte er sich bei 6 Prozent – einem rekordverdächtigen Negativwert im Vergleich mit anderen Industrieländern. Im öffentlichen Sektor in der Schweiz stellen Frauen immerhin 14 Prozent aller Führungskräfte dar. Mit Akteurinnen wie Susanne Ruoff, seit 2012 Konzernleiterin der Post, spielen Frauen hier weit häufiger als im Privatsektor die erste Geige im Management. Doch selbst das ist noch nicht genug, wenn man den Vorschlag des Bundesrates zum Massstab nimmt: Er möchte, dass 20 Prozent der operativen Führungskräfte in den grossen Firmen Frauen sind; in den Verwaltungsräten sollten es 30 Prozent sein.

So erfreulich die jüngste Entwicklung der Schweizer Statistik aus Sicht der Frauen aussehen mag, sie ist mit Vorsicht zu geniessen. Von den 27 neuen Hauptakteurinnen in den Geschäftsleitungen stammen 20 aus dem Ausland. Die Schweizer Wirtschaft scheint von der fortschrittlicheren Frauenpolitik anderer Länder und damit auch von Frauenquoten im Ausland zu profitieren. Schilling mochte diese Feststellung gestern in Zürich zwar nicht so direkt unterstützen, aber er räumte ein, es käme der hiesigen Wirtschaft zugute, dass weibliche Karrieren andernorts immer noch viel selbstverständlicher seien als hierzulande.

Weniger Neuanstellungen in Verwaltungsräten

Offensichtlich wird der Unterschied anhand der Statistik über die Besetzung der Verwaltungsräte (siehe Grafik). In der Schweiz sind gerade mal 17 Prozent der Mitglieder in den Aufsichtsgremien weiblich. Demgegenüber zeigen die Länder, in denen die Frauenquoten bereits wirken, durchwegs höhere Werte. Das gilt insbesondere für Norwegen und Frankreich, aber auch für Italien, Deutschland, Belgien und die Niederlande. In Schweden, Finnland und Dänemark, wo die Berufstätigkeit der Frauen seit langer Zeit der Normalfall ist, liegt der Anteil ganz ohne den Zwang von Quoten weit über oder nahe bei 30 Prozent. Als «enttäuschend» wertet Schilling den Umstand, dass der Frauenanteil der neuen Verwaltungsräte in der Schweiz im Jahr 2016 auf 21 Prozent gesunken ist (Vorjahr 23 Prozent). Trotzdem zeigt sich der Berater überzeugt, dass die Schweiz im 51. Jahr nach der Einführung des Frauenstimmrechts (2022) die von Sommaruga geforderten 30 Prozent auch ohne Quote erreichen kann.

Schilling verweist auf die Nachwuchsplanung, wegen der der Frauenanteil in den mittleren Führungspositionen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat und eine Basis für den Nachwuchs in den Top-Etagen entstehen liess. Man kann sich indessen fragen, wieso die Schweizer Wirtschaft das weibliche Führungspotenzial so spät erkannt und gefördert hat. Eine mögliche Antwort wäre, dass der Managerimport aus dem Ausland bislang einfacher und billiger war. Zwei von drei neuen Geschäftsleitungsmitgliedern in der Schweiz stammten 2016 aus dem Ausland. Der Ausländeranteil beträgt 45 Prozent.


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