Böses Frühlingserwachen mit den Pillen

MEDIKAMENTENPREISE ⋅ Im Vergleich mit dem Ausland sind die Preise in der Schweiz markant höher. Dies sowohl bei den patentgeschützten Präparaten als auch bei den Generika. Wie die Konsumenten entlastet werden können, ist in der Branche umstritten.
07. April 2017, 00:00

Balz Bruder

balz.bruder@luzernerzeitung.ch

Das Schauspiel wiederholt sich. In diesem Jahr zum achten Mal. Der Krankenversicherungsverband Santésuisse und der Branchenverband der forschenden Pharmaindustrie nehmen sich die Medikamentenpreise vor und stellen fest: Die Schweiz ist im Auslandpreisvergleich noch immer eine Hochpreisinsel. Zur Illustration: Das Preisniveau der patentgeschützten Medikamente war im September des vergangenen Jahres 14 Prozent höher als jenes der neun Vergleichsländer. Gar um 20 Prozent teurer sind Originalpräparate, deren Patentschutz abgelaufen ist. Und bei den Generika beträgt die Differenz satte 53 Prozent – Tendenz steigend. Wichtige Relativierung: Real steigen die Preise nicht bedeutend, im Warenkorb breiten sich die Medikamentenpreise nicht stärker aus – dafür sanken in den Vergleichsländern die Preise wechselkursbedingt.

Auch wenn die Melodie des Frühlings-Evergreens demnach immer die gleiche ist: Es ist mitnichten so, dass sich im Pharmamarkt nichts täte. Zu steil steigt die Wachstumskurve der Gesundheitskosten. Zu gross ist die politische Sensibilität im Kampf gegen überschiessende Preise. So hat der Bundesrat vor zwei Monaten angekündet, er wolle die Medikamentenpreise neuerlich senken, auf dass in den nächsten drei Jahren 240 Millionen eingespart werden können. Dies, nachdem die Preisüberprüfung aufgrund eines Bundesgerichtsurteils zwischenzeitlich ausgesetzt worden war.

Preise entwickeln sich entlang des überbewerteten Frankens

Dass es zu «namhaften Einsparungen» kommen wird, ist auch für Interpharma unbestritten, wie der interimistische Geschäftsführer Heiner Sandmeier sagt. Er schränkt allerdings ein: «Zwar wird der therapeutische Nutzen eines Medikaments mit dem neuen System besser berücksichtigt als bisher. Allerdings werden die Preise weiterhin allein aufgrund des im Vergleich zum Euro nach wie vor überbewerteten Frankens erneut gesenkt werden.» Der Druck auf die Preise ist also da. Doch er führt im Auslandpreisvergleich weiterhin nicht dazu, dass die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten besser wegkämen (siehe Grafik). Und das stört nicht nur die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler, sondern auch die Krankenversicherer. Santé­suisse-Direktorin Verena Nold verlangt, dass bei gleicher Leistung konsequent der günstigere Preis vergütet wird. So eben, wie es das Krankenversicherungsgesetz vorsieht. «Es braucht vor diesem Hintergrund ein neues Preissystem für Medikamente ohne Patentschutz», fordert Nold. Bezahlt werden soll «nur der günstigere Preis beim gleichen Wirkstoff». Dieser heile und nicht die Marke, sagt sie. Und verteidigt den Preisvergleich mit dem Ausland.

Doch das sehen nicht alle gleich. Vor allem die Vereinigung der führenden Generika-Firmen der Schweiz hat am Preisvergleich keine Freude. Die von Axel Müller geführte Intergenerika kritisiert, Santésuisse und forschende Pharmaindustrie verglichen Äpfel mit Birnen. Hauptkritikpunkt: Der Vergleich fokussiere einseitig auf die Preise und bilde das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht ab. Intergenerika fährt denn auch schweres Geschütz auf: Nicht weniger als «Preisdumping» drohe – schon heute lägen ­einige Medikamentenpreise unter den Herstellungskosten. Kein gutes Haar lässt Intergenerika zudem an der neuen bundesrätlichen Preisüberprüfung: Damit würden Patienten, Ärzte und Apotheker faktisch ihrer Wahlfreiheit beraubt. Ein Sakrileg in der schweizerischen Gesundheitspolitik, weil sich die Patienten einerseits zwar über den Prämienanstieg ärgern, sich aber nicht von den Krankenversicherern statt vom Arzt oder Apotheker vorschreiben lassen wollen, welches Generikum zur Anwendung kommen soll. Unbesehen davon, ob mit einschlägigen Krankenkassenmodellen wertvolle Prämienfranken eingespart werden könnten.

Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass sich die Schweizer Medikamentenpreise im Auslandvergleich mit oder ohne kostenbewusstes Konsumentenverhalten ungünstig entwickeln. Die Differenzen sind am Wachsen statt am Sinken – und dabei vor allem dort, wo Geld gespart werden könnte: bei den Generika. Sie sind in der Schweiz nach wie vor mehr als doppelt so teuer wie im Durchschnitt der Vergleichsländer.


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