Der Bankenretter rechtfertigt sich

FINANZKRISE ⋅ Henry Paulson war vor einer Dekade eine zentrale Figur in der Finanzkrise: Als Finanzminister fädelte der ehemalige Investmentbanker die staatliche Rettungsaktion für die Wall Street ein – und noch heute muss sich «Hank» dafür verteidigen.
11. April 2017, 00:00

Renzo Ruf, Washington

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Es ist still geworden um Hank Paulson. Der nun 71-jährige Politiker und Geschäftsmann im Ruhestand ist dieser Tage vor allem bestrebt, die Beziehungen zwischen den USA und China zu verbessern, auch weil diese «zunehmend schwierig und komplex» seien. Als Vorsitzender des gemeinnützigen Paulson Institute, das der Multimillionär 2011 ins Leben gerufen hatte, steht er drei Dutzend Angestellten vor, die sich mit ­Finanzproblemen oder Landwirtschaftsfragen beschäftigen. Und weil Paulson ein eingefleischter Umweltschützer und Vogelliebhaber ist, kümmert sich die Denkfabrik auch um bedrohte Feuchtgebiete in China.

Aus der Tagespolitik hat sich der Mann mit dem markanten Kahlschädel und der heiseren Stimme hingegen zurückgezogen – auch weil wohlbekannt ist, dass er mit der populistischen Wirtschaftspolitik des amtierenden Präsidenten Donald Trump wenig anfangen kann.

Präzedenzfall Bear Stearns

Und trotzdem ist Paulson nicht in Vergessenheit geraten. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein wohlmeinender Geschäftsmann auf politische Zwänge reagiert – weil er vor einer Dekade der implodierenden Wall Street beistand und die ­Liquiditätsprobleme der Banken behob. Dabei bezeichnet sich der langjährige Investmentbanker, der von 1974 bis 2006 im Dienste von Goldman Sachs gestanden war, doch als «starker Befürworter» der freien Marktwirtschaft, wie er in ­seinen 2010 erschienenen Memoiren schrieb. Nie habe er deshalb die Absicht verfolgt, einer Branche zu helfen, deren riskante Wetten auf höhere Immobilienpreise spektakulär gescheitert waren.

Aber bekanntlich kam alles anders. Dabei war Paulson keinesfalls unvorbereitet auf die Panik an der Wall Street. Bereits im August 2006 hatte er während eines Treffens mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush im Landsitz Camp David vor der nächsten Finanzkrise gewarnt. Er nannte auch einen möglichen Verursacher: die Zunahme im Handel mit undurchsichtigen Derivaten – Finanzprodukten ohne ausreichende Sicherheiten. Doch als die Krise dann ein Jahr später so richtig einschlug, weil die Blase auf dem Immobilienmarkt nach Jahren der wilden Spekulationen geplatzt war, wurde Finanzminister Henry Paulson, den alle «Hank» nennen, auf dem falschen Fuss erwischt.

Das entscheidende Kapitel begann mit Bear Stearns. Im März 2008 sprach das Traditionsinstitut bei den Aufsichtsbehörden vor, weil es unter akuten Liquiditätsproblemen litt. Paulson liess sich von seinen Gesprächspartnern in der US-Notenbank Federal Reserve (darunter auch sein Nachfolger Timothy Geithner) davon überzeugen, dass eine staatliche Rettungsaktion notwendig sei – obwohl die Bank mit Guthaben von 395 Milliarden Dollar (Stand: Ende November 2007) vergleichsweise klein war. «Meine Erfahrung mit den Märkten führte mich zur Schlussfolgerung, dass die Risiken für das System zu gross waren», schrieb Paulson in seinen Memoiren. Diese Analyse, betonte er im Jahr 2010, treffe nach wie vor zu. «Ich bin überzeugt, dass wir das Beste taten, mit den Werkzeugen, die uns zur Verfügung standen.» Denn ein Zusammenbruch der stark vernetzten Investmentbank hätte zu chaotischen Zuständen in den Finanzmärkten geführt.

Also fädelten die Aufsichtsbehörden einen staatlich subventionierten Notverkauf des Instituts an die Grossbank JP Morgan Chase ein (siehe Grafik). Damit schaffte Paulson allerdings auch ­einen Präzedenzfall, für den er ein halbes Jahr später einen hohen Preis bezahlen würde. Als im Sommer 2008 die Investmentbank Lehman Brothers ins Taumeln geriet – weil auch sie sich massiv verspekuliert hatte –, richteten sich die Hoffnungen deshalb auf das Finanzministerium. Während Lehman-Konzernchef Richard «Dick» Fuld verzweifelt nach einem Käufer suchte, ging die Wall Street davon aus, dass der Staat dem 1850 gegründeten Finanzinstitut nötigenfalls beistehen würde. Doch dieses Mal weigerte sich Paulson, auch mit Blick auf das negative Signal («moral hazard»), das eine solche Rettungsaktion ausgesendet hätte. «Man nennt mich Mr. Bailout», sagte Paulson Mitte September während eines Gesprächs mit Notenbankchef Ben Bernanke und Fed-Vertreter Tim Geithner, «ich kann das nicht noch einmal tun.» Selbst Präsident Bush schien zuerst ein wenig verdutzt über diesen Positionsbezug zu sein. «Werden wir im Stande sein zu erklären, warum Lehman anders ist als Bear Stearns?», fragte er am 14. September seinen Finanzminister. Dieser gab zurück: «Yes, Sir.» Es gebe schlicht und einfach keinen Weg, Lehman zu retten.

Wäre Lehman-Rettung möglich gewesen?

Ob Paulson in diesem Punkt die Wahrheit sagte, darüber wird noch heute heftig debattiert. Der Wirtschaftsprofessor Alan Blinder ist der Meinung, dass eine staatliche Geldspritze von 12 bis 60 Milliarden Dollar gereicht hätte, um dem britischen Finanzinstitut Barclays Bank eine vollständige Übernahme von Lehman schmackhaft zu machen. (Barclays riss sich nach dem Lehman-Konkurs das Hauptgeschäft der Bank unter den Nagel.) Angesichts der Milliardenkredite, mit denen der Staat wenige Wochen später der gesamten Wall Street beistehen musste, hätte es sich dabei um einen Pappenstiel gehandelt, sagt Blinder. Andere Beobachter weisen aber auch darauf hin, dass diese Rettung nicht im luftleeren Raum erfolgt wäre – so kämpften im September 2008 auch die Grossbank Wachovia und die Sparkasse Washington Mutual ums Überleben.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Im Oktober genehmigten Senat und Repräsentantenhaus – nach einigem Hin und Her – einen Rettungsfonds für die Wall Street. Die bewilligten 700 Milliarden Dollar, von denen allerdings nur rund 60 Prozent temporär ausgeliehen wurden, päppelten grosse und kleine Banken auf, retteten die Autoindustrie und bewahrten den Versicherungsgiganten AIG vor dem Zusammenbruch. Die staatliche Rettungsaktion führte aber auch zu Wut und Verzweiflung in der Bevölkerung, als in der Krise Hunderttausende von Menschen ihren Job und ihre Häuser einbüssten.

Paulson räumt beim Blick zurück ein, er habe Fehler begangen. So gelang es ihm zwar, Washington von seinen Plänen zu überzeugen – die breite Bevölkerung aber vergass er dabei. Im Grossen und Ganzen aber ist der ehemalige Top-Banker mit sich im Reinen: Die Finanzkrise war beispielslos und bedurfte deshalb auch einer beispiellosen Intervention, schrieb er in seinen Memoiren. Es scheint, als habe er sich mit dem Bei­namen «Mr. Bailout» abgefunden.


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